01.02.2007

Willkommen im Wattbistro!

Jedes Jahr im Spätsommer und Herbst ist es wieder soweit: Millionen von Zugvögeln geben sich auf dem Rückflug zu ihren südlichen Überwinterungsgebieten ein Stelldichein am vermutlich größten Büfett der Welt. Das Wattbistro im Nationalpark ist rund um die Uhr geöffnet. Und seien noch so viel Schnäbel zu stopfen, mögen die Wünsche noch so ausgefallen sein, hier wird jeder bedient, die Speisekarte ist international und berücksichtigt die unterschiedlichen Tischmanieren der Gäste.
Schnabelformen

Das kleinste Besteck benutzen die rastenden und überwinternden Singvögel wie Schneeammer, Ohrenlerche oder Berghänfling. Mit ihren kurzen Schnäbeln picken sie in den Spülsäumen emsig nach den Sämereien von Queller, Melde und Strandaster, die gerade jetzt von den Sturmfluten dort reichlich serviert werden.
Regenpfeifer und Strandläufer lieben es deftiger: Mit ihren gleichfalls kurzen Schnäbeln nehmen sie kleine Tiere von der Wattoberfläche auf.
Etwas tiefer in die Materie dringt der Rotschenkel mit seinem spitzen, etwa drei bis vier Zentimeter langen Schnabel auf der Suche nach Würmern und kleinen Bodentieren vor. Beim Austernfischer ist das „Besteck“ bis zu sechs Zentimeter lang und reicht bis zu den Leckerbissen, die eine Etage tiefer leben. Die Pfuhlschnepfe kommt mit acht bis elf Zentimeter Schnabellänge schon an besondere Häppchen in den Tiefen des mehrstöckigen Buffets. Der Tiefbohrer unter den Watvögeln ist jedoch der Große Brachvogel. Mit seinem bis zu 17 Zentimeter! langen Schnabel gelangt er noch an Spezialitäten des Wattbuffets heran, die für alle anderen Gäste unerreichbar sind.
Ein langer Schnabel muss aber nicht immer heißen, dass man bis zu den Augen im Watt stecken muss, um satt zu werden. Es gibt auch die gepflegtere Variante, wie sie der Säbelschnäbler vorführt: Mit seinem leicht nach oben gebogenen Schnabel durchseiht er das flache Wasser nach Kleinstlebewesen, ohne sein elegantes Federkleid auch nur im Geringsten zu bekleckern.
Benehmen ist Glücksache - womit wir bei den Enten angekommen wären. Sie sind so etwas wie das „enfant terrible“ für jedes gut geführte Restaurant. Viele der zahlreichen Entenarten bevorzugen die etwas rustikalere Form des Nahrungserwerbes. Mit ihren kräftigen abgeflachten Schnäbeln durchwühlen sie den Untergrund, schnattern schmatzend durch die Wattpfützen oder trampeln so lange auf der Stelle, bis sie ihre Nahrung dadurch an die Oberfläche befördert haben. Zum Glück gibt es auch Arten wie die Tauchenten, die sich zu benehmen wissen und sich hauptsächlich aufs Muscheltauchen spezialisiert haben.
Wie jedes gute Restaurant heutzutage bietet die Speisekarte im Wattbistro auch eine Seite für die Vegetarier. Zur Freude der zahllosen rastenden Gänse, die in den Salz- und Seegraswiesen auf Nahrungssuche gehen.
Nicht fehlen darf ein Fischbüffet, das insbesondere von den Seeschwalben gern angenommen wird. Aus dem Flug stürzen sie sich im rasanten Tempo mit ihrem spitzen, dolchartigen Schnabel ins Meer, um kleine Fische zu erbeuten.
Im Getümmel am kalt-warmen Büffet sind die Besucher des Wattbistros nicht davor sicher, selbst verspeist zu werden. Greifvögel wie die Korn- oder Rohrweihe, die Sumpfohreule, aber hin und wieder auch der Wanderfalke oder sogar ein Seeadler auf der Durchreise, bedienen sich mit ihren scharfen Krallen und ihrem hakenförmigen Schnabel direkt an den gut gefütterten Gästen.
Es bedarf schon eines gut funktionierenden Cateringsystems im Lebensraum Watt, um die vielen Sonderwünsche der gefiederten Gäste zu erfüllen. Der Nationalpark mit seinen großflächigen Schutzzonen sorgt dafür, dass sich hier jeder, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist, in aller Ruhe für die anstrengende Weiterreise in die Brutgebiete versorgen kann.

Wunderwelt Natur: Schnabelformen