01.01.2009

Eiskalt erwischt

Dass Stürme, Strömungen oder Gezeiten die Wattlandschaft verändern, dürfte den meisten bekannt sein. In diesen Tagen kommt aber ein weiterer Faktor hinzu, dessen Auswirkungen nicht weniger bedeutend für das Ökosystem Wattenmeer sein können: die Vereisung des Wattenmeeres.
Eisschollen am Südstrand von Wilhelmshaven

Bereits in früheren Entdeckerartikeln haben wir verschiedene Anpassungsstrategien von Tieren und Pflanzen an die Kälte vorgestellt: Da gibt es Vogelarten, die einfach in wärmere Regionen umziehen, Krebse und Krabben, die sich schon im Herbst langsam in tiefere, frostfreie Bereiche der Nordsee zurückziehen, Würmer oder Muscheln, die sich in tiefere Bodenschichten eingraben oder einfach in Kältestarre fallen und Seehund oder Eiderente, die im wahrsten Sinne des Wortes ein so dickes Fell oder Federkleid haben, dass ihnen die Kälte nichts anhaben kann. Heute soll es aber um die Auswirkungen einer echten Vereisung der Küste auf ihre Bewohner und die Lebensräume gehen.
Der Gefrierpunkt des Meerwassers liegt bei einem durchschnittlichen Salzgehalt von 3,5% bei −1,9 °C. Weil das Meer durch Wind, Wellen, Strömungen und die Gezeiten ständig in Bewegung ist, gefriert es häufig aber erst nach längeren Frostperioden. Der freiliegende Wattboden kann jedoch oberflächlich schon relativ schnell gefrieren. Zwar ist nicht jeder Winter im Watt richtig eisig, aber dennoch haben diese echten Eiswinter einen großen Einfluss auf die Lebewesen des Wattes.
Denn auch wenn die Anpassungsstrategien vieler Arten an die Kälte noch so gut sind: Eine Vereisung des Wattes über viele Tage oder Wochen kann insbesondere für kälteempfindlichere Arten wie Herzmuschel oder Bäumchenröhrenwurm katastrophale Auswirkungen haben, indem der ganze Bestand einfach erfriert. Eine Erholung des Bestandes kann schnell gehen, aber auch mehrere Jahre dauern.
Und selbst die Miesmuschel, die noch am besten mit der Kälte klar kommt und als winterharte Art gilt, ist in vielerlei Hinsicht in ihrem Dasein auf der Muschelbank von einer Vereisung des Watts betroffen: So können Teile der Muschelbank an den Eisschollen anfrieren, bei der nächsten Tide aufschwimmen und in Bereiche verdriftet werden, wo sie nicht überlebensfähig sind. Aber es kann auch zum Abrasieren ganzer Bänke durch Eisschollen kommen. Nach dem strengsten Eiswinter der letzten hundert Jahre 1946/47 war die Miesmuschel nahezu vollständig aus dem ostfriesischen Wattenmeer verschwunden. Andererseits konnte nach Eiswintern wie z.B. 1995/96 anschließend ein sehr starkes Aufkommen von Miesmuschelnachwuchs beobachtet werden. Nicht weil die Miesmuscheln bei der Kälte besonders produktiv sind, sondern weil u.a. auch die Fressfeinde des Muschelnachwuchses, wie die Strandkrabbe oder der Seestern, erst später und in geringerer Zahl wieder aus den Tiefwasserbereichen zurück ins Watt kommen.
Für die Miesmuschel sind Eiswinter daher zerstörerisch und Leben spendend zugleich. Auch das macht einmal mehr die Komplexität der natürlichen Zusammenhänge im Nationalpark deutlich.
Ähnlich wie auf eine Muschelbank kann sich eine Vereisung auch auf die Röhrichtbestände in den Flußmündungen auswirken. Die im Eis eingefrorenen Schilfpflanzen, können bei einer höher auflaufenden Tide mitsamt des Eises aufschwimmen, aus dem Boden gerissen und verdriften werden. Gleichzeitig werden in den betroffenen Bereichen aber Standorte für junge Schilfbestände geschaffen.
Viele Vögel haben mit ganz praktischen Problemen bei der Futtersuche zu kämpfen. Ihr Schnabel ist – so z.B. beim Austernfischer - für eine Bohrarbeit im angefrorenen Wattboden nicht ausgelegt.
Für uns Menschen hält eine solche Kältewelle im Wattenmeer aber in manchen Jahren ein besonderes Naturschauspiel bereit: Immer dann, wenn durch die Bewegungen der Gezeiten die Eisschollen an der Küste zu Schollenbergen aufeinander geschoben werden und für arktische Impressionen im Nationalpark sorgen.

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Der Nationalpark für Entdecker (Januar 2009)