01.02.2009

Maskerade

Wer glaubt, Karneval, Fasching oder Mummenschanz sei eine Erfindung des Rheinlandes oder des süddeutschen Raumes, der irrt sich gewaltig. Verkleiden, maskieren und in andere Rollen schlüpfen hat eine uralte Tradition im Wattenmeer.
Ein Büschel Entenmuscheln

Fangen wir mit den Vollblut- Narrhalesen an. Sie tragen ihre Maskerade ganzjährig und so konsequent, dass sie sogar unter falschem Namen auftreten. Ein Vertreter dieser Maskierten ist die Entenmuschel. Sie ist weder eine Ente noch eine Muschel, sondern eigentlich - wie die Seepocke - ein auf Holz oder Algen festsitzender Krebs, den man gelegentlich im Spülsaum finden kann. Interessant ist die Entstehung des Namens: Früher hielt man die mit weißen Kalkplatten bedeckten, etwa 5 - 10 Zentimeter großen, muschelähnlichen Gebilde für Vogeleier. Guckten dann noch die bewimperten Fangarme heraus, die an Kükenfedern erinnern, war die Illusion perfekt. Und da sich niemand erklären konnte, woher die Ringelgänse kamen (die zwar an der Küste sehr zahlreich waren, aber nie hier brütend gesehen wurden, weil sie dies in Sibirien tun), nahm man an, dass sie aus diesen „Eiern“ schlüpfen würden. Das ging so weit, dass im Mittelalter diese Gänse in manchen Klöstern sogar zur Fastenspeise erklärt wurden: Da ihre Eier ja aus Tang oder Holz herauswüchsen, müsse es sich um Pflanzen handeln, die ohne schlechtes Gewissen gegessen werden könnten!
Der Bäumchenröhrenwurm hält es da eher traditionell und schlüpft in ein selbst gebasteltes Bäumchenkostüm. Aus Sandkörnern und Stückchen von Muschelschalen baut er sich mit seinem klebrigen Schleim im Watt eine feste, zirka 25 Zentimeter lange Wohnröhre, die senkrecht im Boden steht. Auf das obere Ende der Röhre setzt er eine baumartig verzweigte Krone, die quer zur Strömungsrichtung aus dem Sediment herausragt. Sie dient dazu, Nahrungspartikel aus dem Wasser zu filtern, die der Wurm dann mit seinen klebrigen Tentakeln absammelt.
Etwas einfallsloser bei der Kostümierung ist der Einsiedlerkrebs, der ganzjährig „als Schnecke geht“. Nur wenn ihm sein Kostüm zu klein geworden ist, verlässt er es, um in ein größeres Schneckenhaus, meist der Wellhornschnecke, zu schlüpfen.
Zählen für uns Kostüme wie Pirat, Clown oder Prinzessin zu den beliebtesten Maskierungen, so ist für viele Tiere die Verkleidung als Pflanze der Klassiker. Blumentiere, wie Seeanemone, Seedahlie oder die bei uns am häufigsten vorkommende Seenelke, sehen mit ihrer bunten Färbung und ihrer Blütenkrone aus Tentakeln tatsächlich aus wie Pflanzen. Doch spätestens dann, wenn man ihnen zu nahe kommt und sie sich blitzschnell zu einem kleinen, unscheinbaren Knubbel zusammenziehen, „outen“ sie sich als Tiere. Die bunt „verkleideten“ Blumentiere leben festgeklammert auf harten, steinigen Untergründen, lassen ihre Fangarme von den Wellen hin und herschunkeln und warten, dass ihnen die Nahrung direkt vor den Mund gespült wird. Gewisse Parallelen zu den derzeit allgegenwärtigen Bildern von fröhlichen Prunksitzungen sind da unverkennbar.
Zu guter Letzt aber zu einem Meister der Maskerade – zur Scholle. Sie wäre in diesen Tagen ein gern gesehener Gast auf jeder Mottoparty. Durch besondere Farbzellen in der Unterhaut gelingt es ihr doch, sich innerhalb kürzester Zeit der äußeren Umgebung anzupassen. Dabei ziehen sich diese sogenannten Chromatophoren rasch zusammen und dehnen sich wieder aus und rufen im Zusammenspiel vieler solcher Farbzellen den Farbwechsel hervor. Aber auch wenn sie sich zu erkennen gibt, könnte die Scholle durch ihr extravagantes Äußeres auch spontan und unverkleidet auf jeder Karnevalsfeier erscheinen.
Und während in den Karnevalshochburgen der Republik am Aschermittwoch alles vorbei ist, kann der aufmerksame Beobachter die Maskerade im Nationalpark das ganze Jahr beobachten.
Viel Spaß dabei und ein dreifaches Helau, Alaaf oder auch Ahoi wünscht Ihnen Ihre Nationalparkverwaltung
 

Der Nationalpark für Entdecker (Februar 2009)