01.03.2009

Flohmarkt am Strande!

Wir alle kennen das: Das Leben spült so manches Stück in unsere Abstell- oder Dachkammern. Die Schätze sammeln sich und irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, wieder Ordnung im Haushalt herzustellen. Hierzu entstand in Paris schon vor der Wende zum 19. Jahrhundert eine wunderbare Idee: An den Ufern der Seine war ein geschäftiges Treiben zu beobachten, bei dem überflüssige Haushaltswaren und Bekleidung den Besitzer wechselte. Der erste Flohmarkt war geboren.
Der Meersenf, ein typischer Bewohner der Spülsäume

Seinen Namen verdankt der Flohmarkt übrigens Kleidergaben der Fürsten zu dieser Zeit. Einmal dem Volk überlassen, wurde mit diesen Kleidungsstücken gehandelt. Dabei wechselte auch der eine oder andere Floh den Wirt.
Ein ähnlich reges Treiben ist auch an den Stränden im Nationalpark zu finden. Besonders nach stürmischen Tagen und Nächten findet man unterhalb der Flutkante, als sichtbare Spur des letzten Hochwassers, allerlei angespülte Hinterlassenschaften des Meeres. Dies ist der Spülsaum. Und genauso wie auf unseren Flohmärkten entsteht auch hier aus alter, abgelegter „Second-Hand-Ware“ neues Leben.
Bereits das angespülte Material, man nennt es Treibsel, ist äußerst vielfältig. Neben Seegras, Braunalgenarten wie dem Blasentang oder Grünalgen wie dem Meersalat und Darmtang, findet man dort tote Fische, Quallen, Kork, Pflanzenstängel, Holz und mit etwas Glück seltene Muscheln oder sogar Bernstein. Aber auch verölte Vögel und Zivilisationsmüll aller Art wie z. B. Flaschen, Dosen, Verpackungen etc. sind leider keine Seltenheit.
Aus dem abgelagerten organischen Material bildet sich in kurzer Zeit ein natürlicher Kompost. Dieser Standort ist reich an Nährsalzen und bietet so für die ersten Pflanzen, die hier keimen, gute Wuchsbedingungen. Je nachdem, ob ein Spülsaum auf Sand oder Klei liegt, können unterschiedliche Pflanzenarten heranwachsen. Auf Sand bestimmen Meersenf und Kali-Salzkraut das Bild, auf Klei sind es Spieß- und Stielmelde.
Genau wie auf Flohmärkten, tauchen auch hier die unterschiedlichsten Gestalten auf. Im Untergrund verborgen herrscht reiches Leben. Z.B. der Strudelwurm oder der vielborstige Wurm Scolelepis squamata . Er hat eine grünliche Farbe, wird bis zu 8 cm lang und besitzt zwei Tentakeln, um sich von schwebenden sowie abgelagerten Nahrungspartikeln zu ernähren. Ganz besonderes Interesse an diesem Wurm zeigt der Sanderling. Dieser kleine Watvogel läuft mit erstaunlicher Geschwindigkeit vor den brechenden Wellen umher und ist zwischen Spätsommer und Frühjahr häufig entlang der Spülsäume anzutreffen. Im Winter sind hier häufig auch Schneeammern bei der Suche nach kleinen Sämereien und Insekten zu beobachten. Die Vögel bilden dabei kleine Trupps, die sich immer in einer Richtung entlang des Nahrungsplatzes vorwärts bewegen. Hierbei werden die vordersten Vögel regelmäßig überholt, indem die hintersten Vögel auffliegen und wieder vorne landen. Und auch Möwen versammeln sich am Strand auf der Suche nach angespülter Nahrung.
Anders als hoffentlich bei unseren Flohmärkten, gehört zum Spülsaum-Flohmarkt ein Floh direkt dazu, zumindest dem Namen nach: der ca. 15 Millimeter große Strandfloh, der tatsächlich ein Flohkrebs ist. Durch sein massenhaftes Vorkommen ist er aus Sicht Nahrung suchender Vögel ein gern gesehener Gast. Der Strandfloh ernährt sich meist nachts von den organischen Abfällen, die an Land gespült werden. Winzige Kuhlen im Sand verraten uns seine Absprungstellen, wobei er Entfernungen von bis zu 30 cm überwinden kann.
Vergessen wollen wir nicht die historische Beziehung der Menschen zum Spülsaum am Strand und an der Küste. Bei Seefahrern galten die Strände früher als schreckliche Orte. Im frühen Mittelalter bestimmte das Deutsche Strandrecht, dass Schiffbrüchige mit Leib und Leben dem König verfallen. Dieses Recht wurde später gemildert. Danach fiel dem Finder das Strandgut zu, aber nur, wenn es keine Überlebenden gab.
Heute dienen uns Menschen die Strände als beliebte Sport- und Erholungsstätte. Vielleicht haben Sie ja Glück und können bei Ihrem nächsten Spaziergang entlang des Spülsaums auf den Spuren der Strandräuber das eine oder andere Schnäppchen auf diesem Flohmarkt der Natur entdecken.
Viel Erfolg wünscht Ihnen Ihre Nationalparkverwaltung

Der Nationalpark für Entdecker (März 2009)