01.04.2009

Schöne Eierei

Ostern steht vor der Tür, die Ostereier sind bunt bemalt und warten darauf, versteckt und gefunden zu werden. Aber den wenigsten Menschen, die in diesen Tagen genussvoll ihr hart oder weich gekochtes Osterei essen, ist wohl bewusst, welches Wunderwerk der Natur sie da gerade verspeisen. Das Vogelei - ein Einzimmerappartement, das in Sachen Statik, Funktionalität, Sicherheit und Nährstoffversorgung des Bewohners wohl richtungsweisend ist.
Gelege der Zwergseeschwalbe

Aber von vorn: Wie entsteht eigentlich so ein Vogelei? Die Entstehung beginnt im Eierstock der Henne. Dort befinden sich Tausende von Eizellen, die eine nach der anderen durch Anlagerung von gelbem Dotter zu großen Dotterkugeln heranwachsen. Von dort wandert die Dotterkugel in den Eileiter, auch Legedarm genannt, wo in Drüsen die Vorstufen des Eiweiß gebildet und an das Ei angelagert werden. Ein Drehen um die eigene Achse auf dem weiteren Weg nach draußen sorgt dabei für eine gleichmäßige Anlagerung. In dieser Entwicklungsphase entsteht auch die Hagelschnur. Sie hält später den Dotter (Eigelb) in der Mitte der Kalkschale, damit er nicht gegen die Kalkschale schlägt und beschädigt wird. Nachdem um das Ganze die Eihaut gebildet wurde, gelangt das wachsende Ei in den hinteren Teil des Eileiters, den Eihälter, in dem die porige Kalkschale aufgebaut wird.
Die typische Eiform entsteht, während das zunächst kugelförmige Ei mittels Muskelkontraktionen durch den Eileiter gedrückt wird. Dabei bekommt der hintere Teil bei den meisten Vogelarten die typische, zugespitzte Form. Die bleibt erhalten, weil die vormals weiche Eischale während dieses Prozesses verkalkt und hart wird. Die typische Eiform bietet zwei große Vorteile: Die Eier lassen sich, mit der Spitze nach innen, enger zusammen legen und daher besser bebrüten, und sie können im Nest nicht weit davon rollen. Besonders wichtig ist diese eingebaute Sicherung für Felsenbrüter wie die Trottellumme. In den Kolonien an den Felswänden Helgolands sind oft nur wenige Zentimeter Platz zwischen Nest und Felsabhang. Lummeneier sind auf einer Seite besonders spitz. Wird das Ei durch eine unvorsichtige Bewegung der Eltern angestupst, rollt es im Kreis, statt vom Felsen zu stürzen. Ganz schön clever, so ein Vogelei!
Die Farbe des Eies wird individuell nach Kundenwunsch – von perfekt getarnt bis leuchtend gefärbt - erst ganz am Ende der Schalenbildung "aufgetragen". Dann wird das Gesamtkunstwerk noch durch ein Eioberhäutchen versiegelt, das die porige Kalkschale gegen Bakterien abdichtet. Nachdem die Schale ausgehärtet ist, kann das Ei ausgeliefert - pardon: gelegt werden. Diese Leistung der Natur wird um so beeindruckender, wenn man sich klar macht, dass diese grandiose "Fertigungstraße" nicht nur in großen Vögeln wie den Graugänsen, Silbermöwen oder Eiderenten zu finden ist, sondern genauso auch in kleinen Vögeln wie der Zwergseeschwalbe, dem Seeregenpfeifer oder dem Wiesenpieper funktioniert.
Nicht nur das Design, auch die Funktion der Eier ist perfekt durchdacht. Eiweiß und Eidotter bieten genug Nahrung für das heranwachsende Küken und bilden ein schützendes Polster gegen Erschütterungen. Die Eierschale ist genau so dick bemessen, dass sie nicht von den brütenden Vogeleltern zerdrückt wird und das Küken vor mechanischen Schäden geschützt ist, aber auch dünn genug, damit das schlüpfende Küken sie von innen aufpicken kann. Sie ist außerdem so dicht, dass keine Bakterien und Keime eindringen können, aber so luftdurchlässig, dass das Küken nicht erstickt.
Ein Heim also, das seinem jungen Bewohner nicht nur Klimaanlage und Vollpension, sondern auch noch Rundumschutz bietet. Hätten Sie geglaubt, dass ein rohes Hühnerei, wenn es aufrecht steht, eine Last von bis zu 4 kg tragen kann?
Aufgrund der guten Durchlüftung und des optimalen Schutzes vor Bakterien ist das rohe Ei bis zu vier Wochen haltbar. Die Henne kann also mit dem Beginn der Brut warten, bis ihr Gelege vollständig ist. Das ist für all die Vogelarten wichtig, bei denen alle Küken etwa gleichzeitig schlüpfen müssen, weil sie Nestflüchter sind, d.h. das Nest kurz nach dem Schlupf verlassen, um gemeinsam mit den Eltern auf Nahrungssuche zu gehen.
Das eigentliche Wunder des Vogeleis offenbart sich, wenn nach einigen Wochen allein durch die Brutwärme der Elternvögel das Küken aus dem Ei schlüpft. Auch im Nationalpark beginnt jetzt wieder die große Zeit des Eierlegens, des Eier-Versteckens, des Brütens und des Schlüpfens. Jeder von uns kann seinen Teil dazu beitragen, dass die ganze mühevolle Arbeit der Vogeleltern nicht vergebens war. Bitte respektieren Sie die Schutzzonen, bleiben Sie auf den Wegen und lassen Sie Ihren Hund an der Leine.
Nach soviel "Eierei" bleibt uns eigentlich nur noch übrig, Ihnen Frohe Ostern und viele bunte Ostereier zu wünschen!
Ihre Nationalparkverwaltung

Der Nationalpark für Entdecker (April 2009)