01.05.2009

Die Vielfalt der Farbe Grau

Kennen Sie den Sketch von Loriot, in dem ein Raumausstatter einem älteren Ehepaar seine Farbpalette zur Auswahl der neuen Möbelbezüge zeigt? Von steingrau über zementgrau und mausgrau bis aschgrau ist alles dabei. Grau ist eben nicht gleich grau. Und grau kann auch ganz schön bunt sein, wie uns der Lebensraum zeigt, um den es heute geht: die Graudüne.
Graudünenlandschaft auf Spiekeroog

Die Dünen werden nämlich nicht nach der Farbe ihres Bewuchses, sondern ihres Bodens unterschieden und benannt. Direkt hinter dem blendend weißen Kamm der Weißdünen beginnt die Kette der Graudünen. Über ein helles Lichtgrau geht es, in Richtung Inselmitte, weiter in Aschgrau. Wo es schließlich in ein Braungrau übergeht, beginnt der Lebensraum der Braundüne.
Die Farbe der Dünen wird bestimmt durch die oberen Bodenschichten, deren Farbnuancen ein Ergebnis der unterschiedlich weit fortgeschrittenen Bodenentwicklung sind. Während in den Weißdünen durch die hohe Dynamik und die ständige Zufuhr weißen Seesandes noch der reine Rohboden aus Sand vorherrscht, kommt es schon in der zweiten Dünenreihe zu ersten bodenbildenden Prozessen. Der Sand beruhigt sich, der Strandhafer verschwindet und wird durch andere Pflanzenarten ersetzt. Da Dünensand aber nur schwer Nährsalze und Wasser halten kann und Bodenlebewesen daher rar sind, werden abgestorbene Pflanzenteile nur langsam zersetzt und reichern sich als dünne, graue Rohhumusschicht an - die Graudüne entwickelt sich. Der Boden hagert hier oft so stark aus, dass sogar die typischen Gräser wie Sandsegge und Silbergras verschwinden und Polstern aus anspruchslosen Flechten und Moosen Platz machen.
Doch gerade wegen der kargen Standortbedingungen ist die Graudüne, mit den vielen fließenden Übergängen zu den Braun- und Weißdünen, mit ihren Sonnen- und Schattenseiten und eben auch mit der unterschiedlich fortgeschrittenen Bodenentwicklung, ausgesprochen artenreich. Hier finden sich viele Arten, die in der Konkurrenz zu anderen ihren Platz, ihre ökologische Nische gefunden haben.
Im Übergang von der alternden Weißdüne zur Graudüne stellen sich der Rotschwingel und weitere horstartig wachsende Gräser ein. Bunte Tupfen im Grau, niedrigwüchsige, buntblumige Sandtrockenrasen mit Silbergras, Sand-Schillergras, Borstgras, blau blühenden Hundsveilchen oder dem Bergsandglöckchen zeigen, dass wir in der eigentlichen Graudüne angekommen sind. Hier ist der Boden schon soweit entkalkt, dass Arten wie das Silbergras, das als Zeiger saurer Bodenbedingungen gilt, weit verbreitet sind.
Wenn der Oberboden der älteren Graudünen weiter versauert, sich stärker mit Humus anreichert und so aus dem Grau langsam ein Braun wird, kommen weitere, anspruchslose und vor allem säureertragende Arten wie der rosa blühende Hasenklee, Sauerampfer und Teppiche aus Moosen und Flechten dazu. Eine Charakterart ist die Sandsegge, bekannt auch als „Nähmaschine Gottes“, weil sie gradlinige, wie mit der Nähmaschine gezogene Ausläufer hat. Gebüschgesellschaften aus Sanddorn, Kriechweide und zunehmend auch die Kartoffelrose sind weitere typische Vertreter der Graudüne.
Die Graudüne ist also trotz ihres Namens und gerade jetzt, mit der beginnenden Pflanzenblüte alles andere als trist, sondern ein weiteres Beispiel für die große, bunte Vielfalt im Nationalpark.
Um noch einmal auf das eingangs erwähnte Ehepaar zurück zu kommen, das sich mit der Vielfalt des Graus beschäftigt hat: Es hat sich nach langem Hin und Her und intensivem Beratungsgespräch für ein „Aschgrau“ entschieden….
Eine Entscheidung, die Ihnen in diesen Tagen bei schönem Wetter sicher nicht so schwer fallen dürfte, ist ein Besuch des Nationalparks mit seinen gar nicht so grauen Graudünen auf den ostfriesischen Inseln. Um die empfindliche Pflanzendecke der Dünen nicht zu zerstören, halten Sie sich bitte an die markierten Wege. Viel Spaß beim Entdecken der Vielfalt der Farbe Grau wünscht Ihnen
Ihre Nationalparkverwaltung

Der Nationalpark für Entdecker (Mai 2009)