01.07.2009

Herren der Ringe

Sommerzeit, Badehosenzeit, Zeit der Wahrheit: Während wir verzweifelt damit beschäftigt sind, beim Strandaufenthalt durch Tragen bunter Hawaiihosen oder durch ausgelassenes Strandtennisspiel unser wirkliches Alter soweit wie möglich zu verbergen, gibt es Tiere, die das ganz entspannt sehen und ihr Alter ungeniert zur Schau tragen: Muscheln und Schnecken zum Beispiel. Denn das Alter der Muscheln und Schnecken lässt sich an den sogenannten Zuwachsstreifen erkennen, die sich wie die Jahresringe der Bäume auf der Kalkschale oder dem Gehäuse ablesen lassen.
Herzmuschel - im zarten Alter von 3 Jahren

Das Wachstum der Muschel findet am äußeren Rand der Schale statt. Zunächst wird vom Mantelrand eine organische Substanz ausgeschieden, die die äußere Haut des Gehäuses bzw. der Schale bildet. Durch kalkige Ausscheidungen anderer Schichten des Mantelrandes und der Manteloberfläche, die auskristallisieren, bildet sich dann darunter das eigentliche Gehäuse. Dabei schiebt sich der Mantelrand immer wieder nach vorn/außen und bildet einen Zuwachsstreifen am Gehäuserand – so wächst das Haus mit der Schnecke, bzw. die Schale mit der Muschel. Sie sind die wahren Herren der Ringe.
Aber aufgepasst, nicht jede feine Ringstruktur auf der Schale steht für ein Jahr. Bei genauem Hinsehen erkennt man auf der Schale größere und kleinere Einheiten von Ringstrukturen, die einem Jahr zuzuordnen sind und das ungefähre Alter der Muschel abschätzen lassen.
Den Altersrekord hält übrigens bisher eine vor Island gefundene Muschel gleichen Namens, die kürzlich Forscher der University of Wales entdeckt haben. Sie ist offenbar mehr als 400 Jahre alt und damit wohl das älteste bekannte Tier der Welt. Kaum vorstellbar, dass diese Muschel schon als Kleinkind vergnügt im Schlick vor Island wühlte, als in Europa der Dreißigjährige Krieg tobte.

Aber die Wachstumsringe verraten noch mehr als nur das Alter. Der von der Muschel erzeugte Kalk, der in einem Jahr dazu wächst, erzählt eine interessante Geschichte darüber, wie das Jahr in der Nordsee war. Die Struktur, die Inhaltsstoffe und das Aussehen der Kalkschichten verändern sich mit den jahreszeitlichen Schwankungen der Wassertemperatur, des Salzgehalts und des Nährstoffangebots im Wattenmeer. Damit lassen sich aus dem Aufbau und der Zusammensetzung der Zuwachsstreifen auch Rückschlüsse auf die klimatischen Verhältnisse und den Zustand des Meerwassers in den vergangenen Jahren und bei einem „Muschel - Methusalem“ wie der Islandmuschel sogar der letzten Jahrhunderte ziehen. Die Muschelschale wird so zu einem Nordseearchiv, das wie ein Jahrbuch alle Veränderungen aufzeichnet. Da finden sich dann zum Beispiel auch Spuren über die Aktivitäten der Menschen, wie etwa von der mit dem Beginn des industriellen Zeitalters einsetzenden Umweltverschmutzung. Der Nationalpark trägt durch den großräumigen Schutz des Wattenmeeres dazu bei, dass sich unsere verkalkten Freunde zukünftig hoffentlich nicht mehr ein Leben lang mit solchen Problemen herumschleppen müssen.
Mit Hilfe der Schalen lebender Tiere lassen sich sogar auch die Schalen toter Muscheln aus einem Gebiet anhand vergleichbarer Zuwachsringe bestimmten Jahren zuordnen. Durch „Aneinanderreihen“ verschieden alter Schalen könnte dann sogar versucht werden den Zustand der Nordsee weit in die Jahrhunderte zurück zu verfolgen. Tolle Sache also, solche „Altersringe“.
Und so wird jede Muschel und Schnecke mit jedem Jahr und jedem Ring nicht nur immer ansehnlicher und schöner, sondern weiß auch immer mehr „zu erzählen“. In Zeiten des Jugendwahns und der „Anti Aging“-Mittel eine Sichtweise des Älterwerdens, an der einige von uns sich vielleicht ein Beispiel nehmen könnten.
Ein ungeniertes Urlaubsvergnügen in jedem Alter wünscht Ihnen Ihre Nationalparkverwaltung


Der Nationalpark für Entdecker (Juli 2009)