01.09.2009

Indian Summer im Wattenmeer

Jedes Jahr im Spätsommer und Frühherbst kann man im Wald das lebhafte Farbenspiel der Blätter an den Bäumen erleben. Von grün über gelb, orange und rot färben sie sich braun, um anschließend auf den Boden zu fallen. In Kanada und Nordostamerika ist dieses Feuerwerk der Farben besonders ausgeprägt und als „Indian Summer“ weltweit berühmt. Im Wattenmeer wachsen zwar keine Bäume, aber kleinere, ortsansässige Vertreter aus der Pflanzen- und Tierwelt geben sich ordentlich Mühe, Wattenmeer-Besuchern ein ähnliches Schauspiel zu bieten.
Indian Summer in den Salzwiesen

Wer im Herbst auf das Watt blickt, sieht häufig rot. Schuld daran ist der Queller. Im Frühjahr breitet sich diese Pionierpflanze, noch in jugendliches Grün gekleidet, im Übergangsbereich zwischen unterer Salzwiese und Watt aus. Mit seinen verästelten dicken Trieben versucht der Queller ein bisschen wie ein Baum auszusehen, und in dichten Beständen glauben kleine Wattbewohner vermutlich auch, sie sind im Wald.
Der Queller muss sich an seinem exponierten Standort bei der Wasseraufnahme mit viel Salz herumschlagen, das sich in seinen Zellen ansammelt. Zum Herbst hin ist der Zellsaft dadurch so hoch konzentriert, dass die Pflanze weniger Stickstoff aufnehmen und deshalb weniger grünes Chlorophyll produzieren kann. Dafür wird vermehrt das rote Pigment Betacyan gebildet, was den Queller erröten lässt. Sollten Sie trotzdem noch standhaften grünen Queller entdecken, so ist das die Unterart Salicornia stricta, die trotz Salzstress weiter Blattgrün (Chlorophyll) produzieren kann.
Unterstützung beim Farbenspiel erhält der Queller durch den Strandflieder. Im Frühjahr ist der vor allem durch seine dickfleischigen Blätter in der Salzwiese präsent, aber ab dem Spätsommer schiebt er seine prächtigen violetten Blütenstände heraus. Ein sattes Rotbraun steuern die Blätter der Strandsode bei.
So liegt Ihnen bei einem Spaziergang am Wattenmeer der Herbst zu Füßen und knisterndes Watt anstelle raschelnden Laubes ist als Begleitmusik zu hören. Für diese Klangkulisse sorgen winzige Schlickkrebse, indem sie tausendfach zwischen ihren Fühlern Wasserhäutchen zerplatzen lassen.
Für einen perfekten Indian (oder Frisian?) Summer am Wattenmeer fehlen noch die im Herbstwind herumwirbelnden bunten Blätter. Diesen Job übernehmen zig-Tausende von Watvögeln. Auch sie haben im Laufe des Jahres die Farbe gewechselt, das bunte Brutkleid inzwischen gegen ein nicht weniger charmantes, schwarz-braun-weiß kontrastierendes Outfit getauscht. In riesigen Schwärmen führen sie ihre faszinierenden Flugmanöver vor, wobei sie dem Betrachter abwechselnd synchron die dunklen Rücken oder die helle Bauchseite zuwenden – da kann das unkontrolliert herumfliegende Herbstlaub nicht mithalten.
Genießen Sie den ganz speziellen „Frisian Summer am Watt“, zum Beispiel während der Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer vom 10. bis 18. Oktober!
Ihre Nationalparkverwaltung

Der Nationalpark für Entdecker (September 2009)