01.11.2009

Vom Winde verweht…

Obwohl er ja eigentlich unsichtbar und nicht greifbar ist, berührt er all unsere Sinne: der Wind. Wir können ihn spüren, als angenehmes Lüftchen an lauen Sommerabenden oder als heftigen Sturm an einem Novembertag. Wir können den Wind fühlen; als kühlende Erfrischung an einem heißen Sommertag oder als unangenehmen Widersacher bei einer Radtour an der Küste. Wir können ihn hören, wenn er leise pfeifend durchs Fenster zieht oder laut an unseren Fenstern rüttelt. Und irgendwie kann man ihn auch sehen: an dem sich sanft im Wind wiegenden Kornfeld oder an den Bäumen, die sich laut ächzend im Sturm biegen.
Unterwegs im „stürmischen Wind“ (Beaufort 8), Brandganstrupp auf hoher See

Aber kann man den Wind und seine Kraft auch neutral beschreiben? Denn was für einen Binnenländer ein richtiger Sturm ist, das ist für einen gestandenen Küstenbewohner eine leichte Brise. Wie kann man den Wind also so klassifizieren, dass überall verstanden wird, in welcher Heftigkeit sich z.B. gerade ein Sturm der Küste nähert. Oder ob der fürs Wochenende geplante Segeltörn auch stattfindet?
Im Jahre 1806 hat sich daran der englische Seefahrer Sir Francis Beaufort versucht. Sein Ziel war es, die verschiedenen Stärken des Windes ohne Messgerät nach optischen Anzeichen zu definieren. Dafür teilte er die Windstärken nach den an Land und zur See sichtbaren Auswirkungen in 12 Stufen, von Windstille bis Orkan ein. Diese Einteilung zur Abschätzung der Windstärke hat sich so bewährt, dass sie und die entsprechende Maßeinheit nicht nur den Namen ihres Erfinders trägt (Beaufort Skala/ Bft 1-12), sondern seit 1835 überall auf der Welt Gültigkeit hat.
Bei Windstärke 0 herrscht Windstille, Flaute. Die See ist spiegelglatt: Bei Stärke 1 ist ein leiser Zug zu spüren, die See ist ruhig und leicht gekräuselt, Windräder stehen still. Stärke 2 Bft ist die leichte Brise. Die See ist schwach bewegt, Blätter rascheln, der Wind ist im Gesicht spürbar. Das steigert sich über die schwache Brise (3Bft) mit Anfängen der Schaumbildung auf dem Wasser, über die leicht bewegte See der mäßigen Brise (4 Bft), bis hin zur frischen Brise (Bft 5). Hier ist die See schon mäßig bewegt, mit langen, schaumgekrönten Wellen, der Wind ist hörbar und Bäume bewegen sich.
Erst jetzt wird’s richtig windig. Bei Bft 6, dem starken Wind, spricht man von grober See, mit bis zu 2m hohen Wellen. Überall auf dem Wasser sind Schaumflecken, an Land bewegen sich schon dicke Äste, an Überlandleitungen ist ein deutliches Pfeifen zu hören. Über Bft 7, den steifen Wind, geht’s weiter zum stürmischen Wind (Bft 8). Die See ist hoch bis mäßig hoch, geprägt von Schaumstreifen und Wellenbergen. Große Bäume bewegen sich, Zweige brechen ab.
Nun wird es langsam richtig ungemütlich, aber erst bei Beaufort 9 spricht man von Sturm oder schwerem Sturm (Bft 10). Weit draußen auf hoher See bilden sich schwere Brecher mit einer Wellenhöhe von 10 bis zu 20m. An Land brechen Äste und ganze Bäume, Ziegel werden abgedeckt, das Gehen ist nur noch schwer möglich. Spätestens jetzt wird auch dem Letzten die große Bedeutung der Deiche und Schutzdünen für die Sicherheit der Küstenbewohner bewusst!
Aber es kann noch schlimmer kommen. Mit Windgeschwindigkeiten von rund 120 km/h, in Böen sogar noch stärker und mit Wellenhöhen auf dem Atlantik von mehr als zwanzig Metern tobt der orkanartige Sturm (Bft 11) oder der Orkan (Bft 12) über Meer und Küste. Heftiger als beim Orkan geht’s nicht. Er kann zu schwersten Sturmschäden und Verwüstungen führen: Großflächige Windbrüche im Wald; abgedeckte Dächer, Autos werden aus der Spur geworfen, Gehen wird unmöglich. Die See „brüllt“ regelrecht und ist vollkommen weiß, das Wasser wird waagerecht weggeweht, die Luft mit Schaum und Gischt gefüllt, die Sicht unmöglich.
Die Beschreibungen der Windstärken machen noch einmal deutlich, dass gerade die Macht des Windes das landschaftsprägende Element der Küste ist. Seine Kraft macht einen großen Teil der natürlichen Dynamik im Nationalpark aus. Er ist im Zusammenspiel mit dem Wasser für die Verlagerung ganzer Platen und Prielsysteme und die Veränderungen an den Inseln verantwortlich. Aber es sind nicht nur die Starkwindereignisse, die die Landschaft formen. Auch der beständige Wind aus einer Richtung führt zu typischen Landschaftselementen im Nationalpark. Seien es die Windrippeln am Strand, die Windflüchter hinterm Deich (Bäume gebogen vom dauernden Druck des Windes) oder die Windschur (der windschnittige Wuchs der kleinen Inselgebüsche), deren Form die Hauptwindrichtung anzeigen: Überall findet man Zeugen seines Wirkens
Egal ob laues Lüftchen oder steifer Wind, genießen Sie den Herbst im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.
Ihre Nationalparkverwaltung

Der Nationalpark für Entdecker (November 2009)