01.02.2010

Multifunktionswerkzeug im Topdesign

Anders als wir Menschen verfügen Vögel nicht über praktische Greifwerkzeuge wie Hände, Lippen und Zähne. Dafür haben unsere gefiederten Freunde einen Schnabel, der vielerlei Funktionen übernimmt.
Ob zur Gefiederpflege, Futtersuche oder auch zum Austausch von Zärtlichkeiten -

Anatomisch betrachtet sind die beiden Schnabelhälften stark verlängerte Ober- bzw. Unterkiefer, die je nach Funktion mit unterschiedlich harten und vielgestaltigen Hornschichten bedeckt sind. Trotzdem ist der Schnabel sehr flexibel. Vor allem, weil bei Vögeln nicht nur der Unterkieferkiefer gelenkig ist: Wenn er herunterklappt, wird der Oberkiefer durch eine Art Schubstange mit nach oben bewegt. Zudem hat der Oberschnabel ein „Scharnier“ – kein echtes Gelenk, eher eine weiche Nut wie am Deckel einer Kunststoff-Frischhaltedose. Wenn z. B. eine Schnepfe ihren 10 cm langen Schnabel bis zum Anschlag in den weichen Schlick rammt und dort unten einen Leckerbissen findet, kann sie mit dem Zusatz“gelenk“ dicht an der Spitze des Oberschnabels den Happen packen.
Fleißige Leser/innen unserer Entdeckertipps wissen bereits, dass unsere Wat- und Wasservögel sich durch Form und Länge ihres Schnabels auf verschiedene Nahrungstiere spezialisiert haben. Schauen wir also, was ein Schnabel noch so alles kann. Zum Beispiel: Fühlen. Die tote Hornschicht ist nämlich mit einer feinnervigen Haut überzogen. Durch spezielle Tastorgane (Herbstsche Körperchen) wird der Schnabel zu einem der tastempfindlichsten Organe der Vögel. Sie stochern also nicht auf gut Glück im Schlick, sondern mittels genauer Sondierung.
Unabdingbar ist der Schnabel für die Körperpflege: Zum Kämmen und Ordnen, Pudern und Fetten des Gefieders. Ein echter Wasservogel sollte wasserdicht sein, dazu braucht es ein gut geöltes Federkleid. Bei Entenvögeln z.B. wird das Öl in der Bürzeldrüse oberhalb des Schwanzes produziert und mit dem Schnabel aus der Drüse gepresst. Jede einzelne Feder wird dann fein säuberlich durch den Schnabel gezogen und eingefettet. Einmal Kämmen und Legen sozusagen.
Mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen kann man prima schwimmen und über den Schlick waten, aber schlecht greifen. Dann muss der Schnabel den Daumen ersetzen. So klemmen Seeschwalben ihre Eier zwischen Schnabel und Brust ein, um sie ordentlich zurechtzulegen. Steinwälzer schieben den Schnabel und den ganzen Kopf unter Steine und andere Gegenstände, um sie umzudrehen und an die darunter befindlichen Leckerbissen zu kommen.
Bei Sturmtauchern und anderen Hochseevögeln, die nur zum Brüten an Land kommen, steckt im Schnabel eine kleine Meerwasser-Entsalzungsanlage. Draußen auf See können sie ja nur Salzwasser trinken. Über spezielle Drüsen können die Vögel das Salz abtrennen. Auf ihrem Schnabel sitzen zwei Röhren, über die das überschüssige Salz ausgeschieden wird.
Nicht zuletzt dient der Schnabel auch als Waffe. Umgekehrt kann der Vogelschnabel auch friedliche Absichten bekunden. So wendet eine Lachmöwe demonstrativ den Schnabel zur Seite, um eine Auseinandersetzung mit einem Artgenossen abzuwenden oder zu beenden. Nicht zuletzt spielt der Schnabel eine wichtige Rolle in zärtlichen Vogelbeziehungen, ob beim Schnäbeln oder gegenseitigen Kraulen der Partner oder zwischen Eltern und Kind. Der weit aufgerissene Schnabel des Kükens signalisiert: Hunger! Und der rote Fleck am Schnabel der Silbermöwe sagt dem Nachwuchs: Hier anticken – dann kommt das Futter.
Schenken Sie doch bei Ihrem nächsten Spaziergang am Wattenmeer dem hornigen Fortsatz am Kopf unserer Küstenvögel mal Ihre volle Aufmerksamkeit. Viel Spaß dabei wünscht Ihnen Ihre Nationalparkverwaltung

Der Nationalpark für Entdecker (Februar 2010)