13.10.2009

„Die Wildgänse kommen!“

Wer um diese Zeit einen Spaziergang an der Küste macht oder die letzten Gartenarbeiten erledigt, kann es gar nicht überhören: Die Wildgänse kommen!

Es ist immer wieder ein beeindruckendes Bild, wenn an sonnigen Herbsttagen oder in klaren Vollmondnächten die Gänsetrupps in Keilformation am Himmel vorbeiziehen. Bis zu 200.000 Gänse sind es allein an der niedersächsischen Küste, die von ihren arktischen Brutgebieten kommend im Nationalpark und der angrenzenden Küstenregion im Laufe des Winterhalbjahres rasten.
In erster Linie sind es Nonnen- und Ringelgänse, die wir im Nationalpark begrüßen können. Beides sind so genannte „Meeresgänse“, die nur an der Küste vorkommen und im Frühjahr vor allem auf den Salzwiesen fressen. Dabei sind die Ringelgänse echte „Wattenmeerspezialisten“ unter den Gänsen. Sie fressen im Herbst am liebsten Seegras und Grünalgen im Watt. Und als einzige Gänseart benötigen sie kein Süßwasser zum Trinken. Mit Hilfe gut entwickelter Salzdrüsen oberhalb der Augen kann die Ringelgans das Salz wieder ausscheiden, das sie mit den Pflanzen und dem Meerwasser aufgenommen hat.
Aber auch Bless- und Graugänse bereichern jetzt unsere Küstenregion und fliegen unter markantem Rufen nach Westen, zumindest jetzt im Herbst, wenn sie auf dem Weg in ihre Winterquartiere sind. Viele überwintern in den Niederlanden, aber immer mehr auch bei uns.
Zurück aus ihren arktischen oder sibirischen Brutgebieten haben die Gänse Flugstrecken von bis zu 5.000 Kilometern hinter sich. Was sie jetzt brauchen, sind drei Dinge: Futter, Futter und Futter. Das finden sie auf den Salzwiesen und Vorländereien im Nationalpark, aber auch auf Wiesen, Weiden und abgeernteten Äckern im Binnenland.
Und noch etwas brauchen die Gänse: Ruhe. Denn unnötiges Auffliegen – zumal bei so schweren Vögeln – verschwendet Energie und lässt die Fettvorräte schrumpfen. Und damit sinkt die Chance, im Frühjahr fit für die weite Wanderung in die nordischen Brutgebiete zu sein und dort erfolgreich zu brüten. In den äsenden Trupps haben immer einige Vögel die Hälse gereckt und halten Wache. Kommt ihnen jemand zu nahe, geben die ‚Wachtiere’ Alarm und der ganze Trupp fliegt auf. Deswegen sollten Beobachter möglichst weiten Abstand zu den rastenden Vögeln halten.
Wichtige Rastgebiete der verschiedenen Gänsearten im Nationalpark sind der Dollart und die Leybucht, aber auch der Jadebusen und andere Vorlandflächen an der Küste bieten vom Deich aus gute Beobachtungsmöglichkeiten.
In Abhängigkeit von der Härte des Winters bleiben die Vögel dann bei uns oder weichen vor der Kälte und dem Schnee weiter nach (Süd-)Westen aus. Je nach Witterung kommen sie ab Januar in großen Scharen zurück in unsere Landschaft. Dank Jagdverschonung, beruhigter Rastgebiete und einem günstigen Nahrungsangebot hat sich der Bestand der verschiedenen Gänsearten, nach Jahrzehnten reduzierter Populationen, wieder gut erholt – ein Erfolg für den internationalen Zugvogelschutz.
Imposant sind die langen Ketten und Keile in der Luft, wenn die Vögel in der Morgendämmerung vom Schlafplatz im Watt auf die saftigen Wiesen und Weiden hinter den Deichen fliegen. Die landwirtschaftlichen Flächen sind jetzt durch ihr großes Nahrungsangebot viel attraktiver als natürliche Lebensräume. Erst zur Zeit des Frühjahrszuges, wenn das frische Grün aufwächst, konzentrieren sich die Gänse draußen in den Salzwiesen des Nationalparks.
Übrigens, die Flugformationen werden aus aerodynamischen Gründen gewählt: die `Spitze` kämpft gegen Wind und Wetter, die anderen haben es im Windschatten leichter. Zum Ausgleich wird die ´Führungscrew` regelmäßig abgewechselt.
Wer einmal am Deich gestanden hat, wenn Hunderte oder gar Tausende Wildgänse über seinen Kopf hinweg ziehen, wird dieses eindrucksvolle Naturschauspiel sicher nicht so schnell vergessen. Wie die Gänse und anderen Vögel es allerdings schaffen, immer den richtigen Weg zu finden, dazu morgen mehr….
 

Nationalpark für Entdecker (Dienstag, 13.10.09 )