16.10.2009

Mit schwerem Gepäck und dünnen Beinen

Dass die Zugvögel sich im Wattenmeer Fett für den Weiterflug anfressen, dürfte inzwischen hinreichend bekannt sein. Weniger bekannt ist, welche drastischen Anpassungen im Vogelkörper vor sich gehen, um den weiten Weg in die Wintergebiete zu bewältigen.
Nonnengänse mit Rubensbauch

Fett ist der Antrieb, gewissermaßen das Flugbenzin für das Fliegen und für das Ankommen weit im Süden. Und Fett ansammeln müssen die Vögel hier bei uns. Das bedeutet in Ruhe fressen, fressen und noch einmal fressen.
Ein „voll gefressener“ Watvogel hat ganz schön zu tragen, um mehr als 50% kann das Körpergewicht in nur drei bis vier Wochen Wattenmeeraufenthalt zunehmen. Ein kurzer Gedanke an das eigene Körpergewicht lässt angesichts dieser Werte nur erstaunen! Und man kann das viele Fett buchstäblich sehen. Nicht im Proviantbeutel, aber durchaus ähnlich, wird diese Energie am Körper mitgenommen – aus Rastgebieten wie dem Wattenmeer. Pustet man einem „fetten“ Alpenstrandläufer leicht auf die Brust, so quillt es gelb hervor – alles Fett. Ein magerer Rückkehrer im Herbst zeigt nur die blutroten Flugmuskeln, zwischen denen die Knochen hell herauslugen.
Die Körperrundungen einer gut genährten Gans können sogar so auffällig sein, dass der Fettvorrat, in Anlehnung an die Formen fülliger Damen auf den Gemälden des gleichnamigen Malers, von Vogelkundlern auch „Rubensbauch“ genannt wird. Und so kann der aufmerksame Beobachter an der Bauchrundung direkt ablesen, wie „gut“ es den Gänsen bei uns geht.
Haben die Vögel genug Fett angesammelt, um die nächste Etappe zu schaffen – immerhin regelmäßig über 4000 km, die oft nonstop geflogen werden - und dort auch noch in guter Kondition anzukommen, wird nicht einfach losgeflogen. Zuerst heißt es, den Körper vom Fressen auf Fliegen umzustellen: Also unnötiges Reisegepäck konsequent reduzieren und sich auf das wesentliche konzentrieren. Und so unglaublich es klingen mag: Das bedeutet tatsächlich, dass in Vorbereitung auf den Weiterflug die inneren Organe, die während des Fluges nicht zwingend benötigt werden, im Vogelkörper rückgebildet werden, um Gewicht zu sparen. Magen, Darm, Leber und sogar die Dicke der Beine werden reduziert. Gewicht haben dann nur noch die Fettdepots, der Flugmuskel und das Herz. Nach der Ankunft muss dann der Verdauungstrakt schleunigst wieder voll aufgebaut werden, damit die Vögel ihre Energiebilanz ausgleichen und den Winter gut überstehen können, um dann im nächsten Frühjahr wieder bei uns Station zu machen.
Der Nationalpark hat die Aufgabe, ausreichend nahrungsreiche Flächen und ungestörte Hochwasserrastplätze für diese Vögel bereit zu halten, die so wunderbar an die Natur von Afrika, Arktis und Wattenmeer angepasst sind. So leisten wir unseren Beitrag, damit dieses hoch komplexe System nicht aus den Fugen gerät.
Zu welchen Höchstleistungen Zugvögel durch diese körperlichen Anpassungen in der Lage sind, dazu morgen ein eindrucksvolles Beispiel …

Nationalpark für Entdecker (Freitag, 16.10.09 )