(Klima-)Wandel im Watt

Das Wattenmeer ist ein dynamischer Lebensraum, der einem ständigen Wandel unterliegt. Aber es gibt einen Wandel, der nicht naturbedingt, sondern menschengemacht ist: den Klimawandel. Er ist eines der in der internationalen Umweltpolitik am meisten diskutierten Themen – ein Thema, dessen sich auch die Landesregierung angenommen hat, in Form der "Strategie Wattenmeer 2100“ mit Zukunftskonzepten für diesen Lebensraum. In der Nordsee macht sich der Klimawandel bereits durch einen Anstieg der Meeresoberflächentemperatur bemerkbar – laut Alfred-Wegner-Institut bei Helgoland im Jahresmittel um 1,7 Grad im Zeitraum von 1962 bis 2012. Wird er auch im Wattenmeer sichtbar, und wenn ja, woran? Diese Fragen kann einer gut beantworten, der sich viel draußen im Watt aufhält und außerdem durch das Projekt BeachExplorer Zugang zu einer Vielzahl von Informationen über Strandfunde entlang der gesamten Wattenmeerküste hat: Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer. Ein Interview mit dem Biologen.

Bis auf wenige Skeptiker ist in der Welt der Wissenschaft weitgehend unbestritten, dass der Klimawandel bereits eingesetzt hat, nicht zuletzt auch messbar am Anstieg der Meeresoberflächentemperatur etwa in der Nordsee. Wird dieser Klimawandel auch im Wattenmeer sichtbar?

Ja, auf jeden Fall! Für die Unterwasserwelt ist ein dauerhafter Temperaturanstieg auch schon um ein oder zwei Grad von großer Wirkung und von viel größerer Relevanz übrigens als der Meeresspiegelanstieg oder die Sturmhäufigkeit. Von Letzteren sind unter den Wattbewohnern die Vögel stärker betroffen ... Aber bleiben wir bei den Meerestieren. Da gibt es seit Jahren einen auch beim BeachExplorer anhand der Strandfunde sichtbaren Trend, dass Arten aus südlicheren Regionen bei uns einwandern.

Welche sind das?

Besonders auffällig ist das Phänomen bei der Plattfußkrabbe, die bis vor wenigen Jahren hier bei uns nicht vorkam. Auch die Sägegarnele taucht häufiger auf, ist aber recht schwer nachzuweisen, weil es dabei der Mitarbeit der Krabbenfischer bedürfte. Ein weiteres Beispiel ist der Diogenes Einsiedler, ein im Mittelmeerraum und in Westeuropa beheimateter Krebs. Er hatte sich Anfang der 2000er Jahre erstmals  im Wattenmeer eingefunden, ist an beim Kälteeinbruch 2009 im ganzen Wattenmeer erfroren. Nun ist er wieder in Ausbreitung nach Norden.

Heißt das, die Wanderbewegungen erfolgen in Wellen je nach  Wetterlage?

Ja, so ungefähr kann man das sagen, und zwar für alle genannten Arten. An der Plattfußkrabbe kann man dieses Vor-und-Zurück gut verfolgen. Bis in die 1990er Jahre war diese Art, deren Lebensraum die Brandungszone der Sandstrände ist, vor allem in Belgien, Frankreich bis an die Mittelmeerküsten verbreitet, nördlichste Grenze waren die Niederlande. Um das Jahr 2000 hat sie erstmal von dort aus die Grenze ins deutsche Wattenmeer überschritten, die ersten schleswig-holsteinischen Funde datieren aus dem Jahr 2005. 2008 hatten wir sie dann von Helgoland bis Sylt. Das war ohnehin ein Rekordsommer, was die Sichtung von wärmeliebenden Arten angeht. Da haben wir alle paar Wochen eine neue Art entdeckt, die wir hier vorher noch nie gesehen hatten.

Dann kamen die kalten Winter 2009, 2010, 2011, und diese Tiere sind aus der Region wieder verschwunden, auch die Plattfußkrabbe. Dann aber folgten mehrere milde Winter, und bei einer Exkursion im Sommer 2015 vor Westerhever haben wir, einem Gefühl folgend, nach der Plattfußkrabbe gesucht – und sieh an, da war sie wieder und ist seitdem hierzulande mehrfach nachgewiesen worden.

Gibt es auch Beispiele für aus südlichen Regionen eingewanderte wärmeliebende Fische?

Die Sardelle ist ein immer wieder genanntes Beispiel. Aber was Fische angeht, sind die Nachweise beim BeachExplorer mit methodischen Schwierigkeiten behaftet. Eine liegt darin, dass es an Mitwirkung der Fischer fehlt. Und Fische liegen nun mal selten tot am Strand, und wenn, holen sich die Möwen die Beute. Ohnehin muss man bedenken: Das, was gefunden – und gemeldet – wird, ist nur ein kleiner Teil von dem, was angespült wird, und das, was angespült wird, nur ein Minimum dessen, was da draußen unter Wasser zu finden ist. Was das Benthos angeht, also die Tiere, die im und auf dem Wattboden leben, gibt es aber auch schon erste Erkenntnisse. Hier hatten wir 2015 einen Erstnachweis für Deutschland, nämlich die Zarte Pfeffermuschel. Deren Lebensraum lag bislang in West- und Südeuropa, also von der Kanalküste bis hin zum Mittelmeer.

Sind die geschilderten Beobachtungen wirklich ausreichend, um einen Trend abzulesen?

Als Biologe ist mir sehr wohl bewusst, dass Sichtungen und Strandfunde aus wenigen Jahren noch keine wissenschaftlich fundierte Bewertung zulassen. Aber erstens gibt es auch wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema, etwa von Professor Dr. Michael Türkay, der  bis 2015 die Abteilung Marine Zoologie am Senckenberg Forschungsinstitut geleitet und viele Jahre zum Thema Krebse gearbeitet hat; ich empfehle  seinen Fachaufsatz „Krebse erzählen eine Klimageschichte“. Ich habe zudem eine persönliche Meinung, und die lautet: Es passt einfach alles logisch zusammen - das Auftauchen wärmeliebender Arten mit steigenden Temperaturen, die mit den Wetterschwankungen korrelieren. Ich bin mir sicher, dass hier der Klimawandel im Watt nicht nur an die Tür klopft, sondern längst eingetreten ist! Für die Unterwasserwelt könnte man die wärmebedingte Artenzunahme noch locker sehen. Vögel und die Küste aber haben mit dem steigenden Wasser ein ernstes Problem.

Kleine Fotos (von oben nach unten): Plattfußkrabbe, Sägegarnele, Diogenes Einsiedler | © Borcherding

 

Der Klimawandel ist derzeit eines der bestimmenden umweltpolitischen Themen. Hier eine (nur ganz kleine) Auswahl von Meldungen in den Medien der vergangenen Wochen:

• Juni, Juli und August waren laut dem deutschen Wetterdienst (DWD) wärmer und trockener als üblich. Statistisch gesehen war es in Berlin, Sachsen- Anhalt und Brandenburg am wärmsten und in Bayern am kältesten und feuchtesten. Weltweit gesehen war es im Juli noch nie so heiß wie in diesem Jahr. Im Schnitt war es 0,84 Grad Celsius wärmer als in den Vergleichsmonaten zwischen 1950 bis 1980. Laut Wissenschaftlern ist dies auf den von Menschen verursachten Klimawandel zurückzuführen.
(handelsblatt.com, 16. August)

• Das Klima in der britischen Grafschaft Cornwall ist in Teilen bereits subtropisch.
(Der Standard, Online-Ausgabe 18. Juli)

• Der Nordwesten der arabischen Halbinsel hat in den letzten Tagen beispiellos hohe Temperaturen erlebt. In einer Wetterstation im kuwaitischen Mitribah stieg das Thermometer auf 54 Grad Celsius.
(klimaretter.info, 28. Juli)

• Jährlich schmelzen in der Arktis mehrere Millionen Tonnen Eis,  dies ist wesentlich mehr als angenommen.
(zeit.de, 22. September)

• Durch den Klimawandel wird es auch in den Polargebieten immer wärmer. Durch das schmelzende Eis verkleinert sich der Lebensraum vieler Arten.
(Spiegel Online, 16. September)

• Ende des Jahrhunderts wird es in der Nordsee deutlich weniger heimische Arten geben. Das geht aus Modellierungen der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung hervor. Durch die steigenden Temperaturen des Meerwassers und eine Erhöhung des Salzgehalts werden rund 60 Prozent der bodenbewohnenden Tierarten ihren Lebensraum verlieren.
(proplanta.de, 4. Juni)

• Angesichts des Klimawandels müssen sich heimische Flora und Fauna anpassen. Auch die Forstwirtschaft muss die Wälder so umstrukturieren, dass sie dem Klimawandel standhalten.
(Deutschlandfunk Online, 27. September)