23.07.2010

Brachvogel

Wehmütiger Flötist über dem Watt

Obwohl ziemlich schlicht braun und grau gemustert, ist er doch eine auffallende Erscheinung: der Große Brachvogel. Denn er ist nicht nur groß, vor allem hat er im Verhältnis zum Körper den längsten Schnabel unter den heimischen Vögeln. Mit 50 bis 60 cm Körperlänge und einer Flügelspannweite von fast einem Meter ist er unser größter Watvogel. Sein gleichmäßig abwärts gebogener Schnabel kann bis zu 18 cm lang sein!

Trotz dieser imposanten Maße ist er sehr scheu und hält meist große Fluchtdistan-zen von mehreren 100 Metern ein. Um ihn wirklich gut zu beobachten, empfiehlt es sich also, ein Fernglas dabei zu haben.

Dafür können Sie sich in unserem Nationalpark ganzjährig an ihm erfreuen: Etwa 100 Paare brüten vor allem auf den Inseln und dort bevorzugt in den feuchten Dünentälern.

Ab Juni kommen die in Skandinavien und Sibirien brütenden Brachvögel zur Mauser zurück ins Wattenmeer. Viele überwintern anschließend hier, nur in extremen Eiswintern ziehen sie weiter nach Westen. Die größten Ansammlungen treten von August bis Oktober auf: Bis zu 280.000 Tiere nutzen während des Herbstzuges das Wattenmeer, das sind fast 70% aller Großen Brachvögel, die in Skandinavien und Nord-westrussland brüten.

Das ganzjährig zu hörende wehmütige Flöten – "kur-li" oder "kluitt" - der fliegenden Vögel gehört zu den stimmungsvollsten Vogellauten des Wattenmeeres und prägte die regionalen Bezeichnungen für diese Schnepfenart: Tüdelüt, Tütwilp, Tütvogel oder Groot Tüdelüt.

Der Name "Brachvogel" weist darauf hin, dass er früher eigentlich in ungenutztem Land wie Mooren, Ödländern und Nasswiesen zu Hause war. Erst durch die Intensivierung der Landwirtschaft wurde er bei uns weitgehend aus dem Binnenland verdrängt. Als Brutgebiet sind inzwischen die ostfriesischen Inseln im Nationalpark zu einem letzten Rückzugsraum geworden.

Aber auch als Rast-, Überwinterungs- und Mausergebiet war das Wattenmeer bei Brachvögeln seit jeher beliebt. In den Salzwiesen und Watten finden sie mit ihren langen Schnäbeln reichlich Nahrung: Würmer, Insekten, kleine Muscheln, Schnecken und Krebstiere. Der Nationalpark bietet ihnen ungestörte Salzwiesen, dort rasten sie nämlich am liebsten. Meist in großen Trupps, denn viele Augen sehen Gefahren e-ben besser.

In Brehms Tierleben wird der Brachvogel 1927 übrigens als Vereinsmeier beschrie-ben, noch dazu als ziemlich arroganter: "Scheu und vorsichtig, misstrauisch und furchtsam zeigt er sich stets. Geselliger als viele andere Schnepfenvögel, bildet er gern kleine Vereine und seine Wachsamkeit versammelt stets eine Menge minder kluger Strandvögel um ihn; aber er gibt sich mit dem Gesindel nur so weit ab, als es ihm gerade gut dünkt."

Lassen Sie sich bei Ihrem nächsten Spaziergang am Wattenmeer von dem wehmütigen Flöten des Brachvogels verzaubern!

Der Nationalpark für Entdecker (Nr. 42 / 16. Oktober 2006)