30.08.2010

Schick in Schale

Sie gehören zum Nordseeurlaub dazu wie das Meer, die Möwen und der weite Himmel: Muscheln! Aber welchen Aufwand betreiben sie eigentlich, um sich so schick in Schale zu werfen?
Herzmuscheln, verschiedenfarbige Schalen

Muscheln sammeln am Strand ist eine beliebte und entspannende Beschäftigung beim Urlaub am Wattenmeer. Jeder von uns ist wohl schon einmal der Faszination dieser Kleinode vor unseren Füßen erlegen. Gesenkten Blickes sieht man Groß und Klein an der Wasserkante entlang streifen, auf der Jagd nach den vielfarbigen und vielgestaltigen Schalen von Herz-, Mies-, Schwert-, Pfeffer-, Teppich-, Sandklaffmuschel bis hin zu Engelsflügel und Roter Bohne. Aber welchen Aufwand betreiben Muscheln eigentlich, um sich so schick in Schale zu werfen?

Wenn eine Muschellarve aus dem Ei schlüpft, schwimmt sie zunächst als Larve durch das Wattenmeer, frei und nahezu unbeschwert. Der Nachteil dieses mobilen Lebensstadiums: Fressfeinde können sich ohne Umschweife die kleinen Happen einverleiben.

Wenn sie beschließt, erwachsen zu werden und zum geruhsamen Bodenleben überzugehen, legt sich die Muschel also sicherheitshalber eine Schale zu. Immer in zwei Hälften, dadurch ist sie auch bei ähnlichen Formen gut von Schnecken zu unterscheiden, die sich im Laufe der Evolution für den klassischen Einteiler entschieden haben. Die zwei Schalenhälften sind an einer Seite mit einer Art Scharnier verbunden, einem elastischen Schlossband (Ligament). Es hält die Schale offen, damit die Muschel Kontakt zur Außenwelt mit Nahrung und Sauerstoff aufnehmen kann. Zuklappen muss die Muschel die Schalen aktiv mit Hilfe der Schließmuskeln. Damit die Schalen schön ineinander greifen und nicht seitlich verrutschen, sind die Schalenränder mit Schlosszähnen versehen.

Die Muschelschale besteht hauptsächlich aus Kalk, also Kalziumkarbonat, genauer: Aragonit, dessen Kristalle in ein organisches Gerüst (Conchyn) eingebaut werden. In der dicken Hauptschicht sind die Kristalle wie Prismen angeordnet (Prismenschicht). Auf der Innenseite der Schale sind viele kleine Kalkplättchen schichtweise angeordnet. Durch die Plättchen wird das einfallende Licht teilweise durchgelassen, teilweise reflektiert. So entsteht der Perlmutt-Effekt (Perlmutt-Schicht). Das vielfarbig glänzende und stabile Perlmutt wird schon seit langer Zeit zur Herstellung von Schmuck, Knöpfen, im Möbel- und Instrumentenbau verwendet.

Da sich Kalk ja eigentlich im Wasser auflöst, schützt die Muschel ihre Schale von außen mit einer dünnen, hornartigen Substanz, dem Periostracum. Nach dem Tod des Tieres geht diese Schicht kaputt.

Ähnlich wie Bäume, bilden Muschelschalen während des Wachstums „Jahresringe“ aus, die Aufschluss über die Umweltbedingungen geben. In guten Zeiten wachsen sie schneller, die Ringe sind breiter als in mageren Zeiten. Sehr schön sind die Wachstumsringe zum Beispiel bei der „Roten Bohne“ (Baltische Tellmuschel) zu erkennen, deren Schale nur innen rosa, außen aber kontrastreich gestreift daherkommt. Die verschiedenen Farben rühren von Pigmenten her, die das Tier während des Wachstums absondert.

Mit der Entscheidung für mehr Sicherheit - in der Schale – gibt die Muschel auch ein Stück Freiheit auf. Allerdings sind Muscheln viel beweglicher, als der starre Schaleneindruck vermittelt. So kann sich z. B. die Herzmuschel mit ihrem muskulösen Fuß eingraben und fortbewegen und sogar große Sprünge machen, bis zu einem halben Meter weit. Miesmuscheln schließen sich zu großen Bänken aneinander, aber die so genannten Byssusfäden, mit denen sie sich vorm Verdriften schützen, können sie auch wieder lösen und ebenfalls „zu Fuß“ einen besseren Standort suchen. Extrem sesshaft ist hingegen die Pazifische Auster. Hat sie sich einmal niedergelassen, bäckt sie ihre Schale mit einer Art selbst produziertem Zement am Untergrund – bevorzugt Steine oder Artgenossen – fest.

Doch auch die stabilste Schale schützt nicht vor hungrigen Vögeln oder auch Seesternen, welche die Sollbruchstellen kennen und nutzen, um an den leckeren Inhalt zu gelangen.

Durch Farben und Formen üben Muscheln jedenfalls eine unglaubliche Faszination aus und haben seit langem ihren Platz in den Kulturen – vom Zahlungsmittel bis hin Kunst und Kitsch. Die informative wie unterhaltsame Ausstellung „Harte Schale – weiches Tier“ über Muscheln und Schnecken in Natur und Kultur ist derzeit in den Nationalpark-Häusern auf Juist, in Norddeich und in Greetsiel zu sehen. Einen Besuch empfiehlt Ihnen

Ihre Nationalparkverwaltung

(Der Nationalpark für Entdecker August 2010)