31.05.2017

Sie machen den Abflug

Küstenvögel ziehen in die Arktis

© Stock / LKN.SH

Man kennt es von Gruppenreisen: Unmittelbar vor dem Start mit Bus oder Flugzeug gibt es diese besondere Unruhe. Jeder hat seinen Koffer gepackt und abgegeben, man steht zusammen, ist gut vorbereitet aber blickt doch gespannt auf das Kommende – und will endlich los. Wer die Tausende von Knutts und Kiebitzregenpfeifer, Pfuhlschnepfen, Sanderlinge und anderen Watvögel beobachtet, die in diesen Tagen aus dem Nationalpark in ihre Brutgebiete an der russischen Eismeerküste abziehen, meint eine ähnliche Stimmung zu spüren. Im ökologischen Jahreskalender des Wattenmeeres ist jetzt der stimmungsmäßige Höhepunkt. Unsere Verantwortung für diese wichtigste Energietankstelle entlang des Ostatlantischen Zugwegs der Küstenvögel ist nahezu sinnlich erfahrbar.

„Dieser Flug bringt die Vögel an ihre körperlichen Grenzen. Für sie ist es entscheidend, dass sie in den wenigen Wochen, die sie im Wattenmeer sind, genügend Nahrung finden und ungestört fressen können. Nur so können sie die nötigen Energiereserven anlegen.“, sagt die beim NABU in Bergenhusen arbeitende Zoologin Jutta Leyrer, die in Mauretanien, Frankreich, den Niederlanden und im Dithmarscher Wattenmeer jahrelang untersuchte, welche Zugstrategien Knutts entwickelt haben. „Es wird jetzt immer lauter auf den Wattflächen, neben den Rufen hört man mitunter den Balzgesang und sieht sogar Balzflüge einzelner Tiere. Überall ist eine Aufgeregtheit zu spüren, als würden sie einander zurufen „Bist du schon bereit? Weißt du noch, letztes Jahr? Es ist, als hätten die Vögel Respekt und Schiss vor dem langen Flug“, lacht die Wissenschaftlerin über ihre unwissenschaftliche Beschreibung.

Den ersten großen Flug haben die Vögel bereits geschafft. Vor drei Wochen sind sie aus ihren Überwinterungsgebieten in Westafrika zu uns gekommen. Rund 4500 Kilometer. Wenn der Wind mitspielt, dauert der Nonstopflug drei Tage. Seitdem ist fressen, fressen, fressen angesagt. Bei Hochwasser rasten sie auf den Salzwiesen und Sandbänken des Nationalparks. Aber immer wenn der Meeresboden zugänglich ist, tags wie nachts, suchen sie im Watt nach kleinen Tellmuscheln, ihrer Hauptnahrung. Damit bringen sie ihre Körpermasse wieder von 120 auf 240 Gramm. Für Menschen wäre eine tägliche Gewichtszunahme um drei bis fünf Prozent unvorstellbar. Beim Knutt geschieht aber noch viel mehr. Vor und auch während des weiten Fluges baut er seinen Körper physiologisch um: Magen und Darm, Leber, Nieren und Salzdrüsen bilden sich zurück, die Flugmuskulatur wird verstärkt. Aus dem Fress-Knutt wird der Flug-Knutt.

In den Tagen vor dem Abflug fressen die Tiere merklich weniger. Sie wollen los. Ihre Unruhe hat auch mit ihrem Gewicht zu tun. Sie wollen nicht lange schwer sein. Das macht ihr Leben lebensgefährlich, weil sie so weniger wendig sind und leichter von Wanderfalken erbeutet werden.

Natürliche Verluste dieser Art gab es immer schon, die Population konnte es verkraften. „Die in den 1980er Jahren begonnenen Rastvogelzählungen zeigen aber, dass die Bestände vieler arktischer Watvögel abnehmen. Die Zahl der Knutts ist in den vergangenen 25 Jahren um ein Viertel zurückgegangen“, nennt der Ornithologe Klaus Günther von der Schutzstation Wattenmeer als Beispiel. Im Auftrag der Nationalparkverwaltung koordiniert er das Rastvogelmonitoring im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer.

Die Ursachen der Bestandrückgänge sind bisher nicht eindeutig identifiziert. Ein Haupteffekt wird im Lebensraumverlust und im schlechteren Nahrungsangebot auf dem Zug und im Winter gesehen. Die Effekte des Klimawandels werden künftig immer größeren Einfluss haben. Vielleicht in keiner Region der Erde ist er so ausgeprägt wie in der russischen Arktis, wo die Schneeschmelze heute zwei Wochen früher einsetzt als drei Jahrzehnte zuvor. Massenhaft Insekten gibt es in der Tundra entsprechend früher. Zu früh, denn Küken der Knutts, deren Hauptnahrung Schnaken sind, schlüpfen später, wenn die Insekten nicht mehr so häufig sind.

Zurück zum Abflug im Watt. Die Vögel starten meist abends. Bei niedrig stehender Sonne können die Tiere polarisiertes Licht am besten wahrnehmen und als Navigationshilfe nutzen. Zunächst steigen sie in Gruppen von einigen Hundert oder Tausend Tieren auf, kreisen etwas umher und ziehen dann bald in kleineren Gruppen und immer mehr Höhe gewinnend direkt in Richtung ihres Zieles, nach Nordosten, ab. Während zunächst noch gemischte Trupps beobachtet werden, sind es bald nur noch Vögel derselben Art, denn nur sie können dasselbe Tempo halten und untereinander kommunizieren.

Nach Radaruntersuchungen liegt die Reisehöhe der Knutts bei 1000 bis 1500 Metern. Mit etwa 60 Stundenkilometern sind sie unterwegs. Nach drei bis vier Tagen erreichen sie die Taimyr-Halbinsel an der russischen Eismeerküste. Unterwegs verarbeiten sie das in den Wochen zuvor angefressene Fett. Weil bei der körpereigenen Fettverbrennung Wasser entsteht, brauchen sie keinen Zwischenstopp einzulegen, um zu trinken.

Nach der Landung auf Taimyr bauen sie ihren Körper erneut um. Die Flugmuskeln werden zurückgebildet, der Verdauungsapparat regeneriert, die Geschlechtsorgane aufgebaut. Aus dem Flug-Knutt wird der Brut-Knutt. Neue Gefahren und Erschwernisse drohen – aber das ist eine andere Geschichte des weltweit besterforschten Watvogels.

Kleine Fotos: © Khil / LKN.SH und Stock / LKN.SH

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