Die fertige, gut 25 cm lange Wohnröhre dieses Wurms ragt nur eins, zwei Zentimeter aus dem sandigen Wattboden heraus. Doch das verzweigte Krönchen ist namensgebend für den Wurm, der zu den 60 im Wattenmeer vorkommenden Borstenwürmern gehört. Sie sind im Nationalpark auf Wattflächen bis zur mittleren Niedrigwasserlinie zu finden – doch die Art an sich ist schon in Tiefen bis 1.900 m nachgewiesen.
Bäumchenröhrenwürmer sind schlanke, weichhäutige Würmer, die eine Körperlänge von etwa 5 bis 8 cm erreichen. Ihre Körper bestehen aus ungefähr 150 bis 300 Segmenten. Vom Kopfbereich gehen rund 100 Tentakel ab, die den Würmern ihr charakteristisches Aussehen verleihen. Zudem liegen am Kopf der Tiere dunkelrote Kiemen, und ihr Darm schimmert grün.
Baumeister im Sandwatt
Der Clou aber ist die spezielle Rinne mit Klebdrüsen an der Bauchseite der Bäumchenröhrenwürmer. In dieser sammeln sie Sandkörner und stapeln sie übereinander, um schützende Röhren zu bauen, in denen sie leben.
Um solche Wohnröhren zu bauen, nehmen Bäumchenröhrenwürmer Sandkörner, Steinchen, kleine Muschel- und Schalenstücke mit ihren klebrigen Tentakeln auf. Mithilfe der Rinne am Bauch befördern sie das „Baumaterial“ zum Kopf. Dort bauen sie die Teilchen mit einem klebrigen Sekret aus der sogenannten Kittdrüse zusammen.
Röhrenkrone fungiert als Fangnetz
Das obere Ende der Röhre ragt als eine Art baumartig verzweigtes Gerüst aus dem Boden und und fungiert als Fangnetz: In der quer zur Strömungsrichtung stehenden Krone bleiben bei auf- und ablaufendem Wasser Kleinstorganismen wie Plankton hängen. Wenn die Krone komplett überflutet ist, kommen Bäumchenröhrenwürmer an das obere Ende ihrer Wohnröhre. Die Tentakel wickeln sie dann um ihre Baumkrone und fischen so nach Nahrungsteilchen bzw. sammeln sie ab.
Wenn seine Röhre beschädigt wird, zum Beispiel durch Übersandung, Freispülung oder den spitzen Schnabel eines Vogels, muss sich der Wurm eine neue Röhre bauen. Einen Eiswinter übersteht der Wurm aber nicht. Dann dauert es ungefähr zwei Jahre, bis zur erneuten Besiedelung.
Artenreiche, riffartige Strukturen
Ergebnisse des Nationalpark-Forschungsprojektes STopP (Vom Sediment zum Top-Prädator) zeigen unter anderem, dass Bäumchenröhrenwürmer unter guten Lebensbedingungen und ohne bodenschädigende Einflüsse in Kolonien von mehreren Tausend Individuen pro Quadratmeter auftreten können. Sie bilden dann riffartige Strukturen, die sogenannten Lanice-Rasen.
Auch wenn diese Lebensräume aufgrund ihrer geringen Festigkeit nicht als biogene Riffe gelten, sind sie besonders wertvoll: Durch ihre strukturbildende Funktion wirken sich Bäumchenröhrenwürmer nachweislich positiv auf Artenreichtum und Diversität der am Meeresboden lebenden Organismen aus. So nutzen einerseits andere Würmer wie Schuppenwürmer als Untermieter die Wohnröhren, oder sie beziehen verlassene Röhren. Andererseits bieten die Vielzahl der Röhren in den Lanice-Rasen eine Struktur, in denen sich viel Plankton und andere Kleinstorganismen wie kleine Krebse ansammeln. Schließlich ziehen die Bäumchenröhrenwürmer und ihr bodenlebendes Umfeld wiederum viele andere Tiere des Wattenmeeres an – beispielsweise Watvögel, die hier einen reich gedeckten Nahrungstisch finden.
Empfindlich und gefährdet
Leider sind die Lanice-Rasen der Bäumchenröhrenwürmer sehr empfindlich gegenüber mechanischen Berührungen. Ihre größte Gefährdung geht daher von der Grundschleppnetzfischerei aus. Das Schleppen von Netzen über den Meeresgrund kann dazu führen, dass Arten wie Bäumchenröhrenwürmer verschwinden oder Schaden nehmen. Deshalb ist es wichtig, sich für den Schutz dieser artenreichen Habitate einzusetzen.