Der Erhalt des Lebensraums Küstenheide auf Wangerooge erfordert umfangreiche Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen.
© Martin Stock / LKN.SH
Niedersachsen
Fragen und Antworten zur Heidepflege auf Wangerooge
Warum sind Küstenheiden so besonderes?
– Küstenheiden sind ein durch Umwelteinflüsse und Nutzungsänderungen beeinträchtigter Lebensraum mit zahlreichen besonderen Tier- und Pflanzenarten von europaweiter Bedeutung.
Was ist die Wangerooger Küstenheide?
– Wangerooge beherbergt das größte zusammenhängende Gebiet der Besenheide (Calluna vulgaris) auf den Inseln sowie im unmittelbaren Küstenraum Niedersachsens.
– Die Küstenheide auf Wangerooge ist etwa 42 Hektar groß und reicht vom westlichen Ortsrand etwa bis zum Restaurant Jan Seedorf/Saline.
Wie ist die Küstenheide auf Wangerooge entstanden?
– Auf Wangerooge ist die Heide anthropogen bedingt entstanden, allerdings nicht wie die bekannte Lüneburger Heide, die aus einer Bewirtschaftung bzw. Übernutzung von Wäldern entstand.
– Nach bisheriger Kenntnis ist die Besenheide bei zeitlich weit zurückliegenden Küstenschutzmaßnahmen im 19. Jahrhundert als Sode (gestochene Heidestücke) und im größeren Stil nördlich des jetzigen Gebietes eingebracht worden. Sie wurde damals also gezielt (wenn auch an anderer Stelle) angepflanzt. Da damals die Dünen noch frei von Bewuchs waren und viele offene sandige Stellen hatten, fand die Besenheide optimale Wuchsbedingungen und hat sich auf natürliche Weise in diesem Dünenbereich auf Wangerooge ausgebreitet.
Wie bedeutsam ist die Wangerooger Heide für die Inselnatur im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer?
– Sie ist ein einzigartiger Lebensraum auf Wangerooge (und im Nationalpark) mit vielen spezialisierten Tier- und Pflanzenarten. Darunter sind auch viele Insektenarten wie zum Beispiel die Heidehummel (Bombus jonellus), die auf die Blüten der Besenheide spezialisiert ist. Heideflächen der atlantischen (biogeografischen) Region in Küstennähe bieten diesen Arten ein seltenes Refugium.
Worum geht es beim Erhalt der eigentlichen Calluna-Heideflächen?
– Die Heide auf Wangerooge bildet ein Mosaik aus verschiedenen Lebensräumen, die es zu erhalten gilt. Dazu zählen trockene Sandgrasfluren der Dünen, feuchte Dünentäler, kleine Gewässer und Tümpel sowie teilweise durch Menschen entstandene historische Eisteiche.
Welche touristische Bedeutung hat die Heide für Wangerooge?
– Von den Ostfriesischen Inseln bietet nur Wangerooge die Möglichkeit des Naturerlebens „Heide“ in dieser Vielfalt und Dimension. Die Heide kann von Besucher*innen zu Fuß und zu Pferd zur ruhigen Erholung genutzt werden. Insbesondere während der Heideblüte im Hochsommer (Juli/August) bietet sie ein ästhetisches Erlebnis.
Wodurch ist die Heide auf Wangerooge beeinträchtigt bzw. gefährdet?
– Die Heide ist durch Verbuschung gefährdet, da die Besenheide viel Licht benötigt. Durch Gehölze wird die Besenheide beschattet und verliert ihren Wuchsraum.
Was bedeutet Verjüngung der Heide?
– Besenheide ist mehrjährig und verholzt mit zunehmendem Alter, dann werden zudem weniger Blüten ausgebildet. Um möglichst vitale Bestände zu erhalten, werden vegetationsfreie Sandstellen benötigt, damit die Heide sich über Samen ansiedeln kann und junge, blütenreiche Bestände bildet. So bleibt eine diverse Altersstruktur in der Heidepopulation erhalten.
Welche Ziele hat die Landschaftspflege?
– Sie fokussiert nicht auf einzelne Arten. Es geht darum, die Heidelandschaft als Mosaik von verschiedenen Lebensräumen wie nasse Senken, Tümpel, trockene Dünen mit Sandfluren, als auch eben die Küstenheide – mit ihren standorttypischen Arten zu fördern.
Werden durch die Entfernung von Bäumen/Sträuchern nicht auch wichtige Lebensräume zerstört?
– Nein. Denn durch die Pflegemaßnahme werden vor allem gebietsfremde Gehölze entfernt, die keinen inseltypischen Lebensraum darstellen. Aufgrund ihrer ökologischen Fremdartigkeit sind sie beispielsweise für Insekten nur von geringer Bedeutung, da jene auf heimische Flora angepasst sind.
– Im Gegenzug fördert die Maßnahme den einzigartigen Lebensraum Heide und die von ihm abhängigen spezialisierten, heimischen Tier- und Pflanzenarten im Nationalpark.
– Aufgrund ihrer Bedeutung ist der Schutz der Küstenheiden europaweit verankert und die EU-Mitgliedstaaten haben sich dazu verpflichtet, diese Lebensräume zu erhalten und zu entwickeln.
Wenn das Motto des Nationalparks “Natur Natur sein lassen” ist, warum wird hier dennoch in die Vegetationsentwicklung eingegriffen?
– Im Naturschutz gibt es drei verschiedene Ansätze im Umgang mit Flächen: loslassen (Natur Natur sein lassen), gestalten (renaturieren) und bewahren (pflegen). Im Nationalpark steht Loslassen großflächig im Vordergrund, während gestalterische Maßnahmen auf temporäre Renaturierungs-Maßnahmen beschränkt bleiben, um einen Impuls zu geben für eine natürlichere Entwicklung. Die Landschaftspflege erfolgt ausschließlich in der Zwischenzone des Nationalparks und nicht in der flächig weit überwiegenden streng geschützten Ruhezone.
– Die Calluna-Küstenheiden im Nationalpark sind eher kulturhistorische Landschaften, die nicht ausschließlich durch natürliche Prozesse entstanden sind. Da sie jedoch einen einzigartigen Lebensraum aus überregionaler Perspektive darstellen, wird hier auf kleinster Fläche vom klassischen Prinzip eines Nationalparks abgewichen, um der europäischen Verantwortung um ihren Erhalt gerecht zu werden.
Wo genau werden die Pflegemaßnahmen auf Wangerooge durchgeführt?
– In der Küstenheide vom Ortsausgang bis in etwa Saline/Restaurant Seedorf auf etwa 42 Hektar Flächen des Nationalparks.
– Die Heide wird in der gesamten Fläche bearbeitet, allerdings in unterschiedlicher Intensität. Diese richtet sich danach, wo welche Gehölze stehen, die entfernt werden.
Wie lange dauern die Arbeiten?
– Mindestens 60 Werktage.
– Für die Pflege wird mit einer Arbeitszeit von etwa 2-3 Monaten gerechnet.
Bedarf es vor Beginn der Arbeiten noch Vorbereitungen?
– Ab Juli 2026, also vor den eigentlichen Pflegemaßnahmen, werden mehrere Blindgänger-Verdachtsfälle (militärische Altlasten) geklärt. Dabei handelt es sich um große Bomben, die während des letzten Weltkriegs auf Wangerooge zahlreich abgeworfen wurden. Ein Teil dieser Bomben ist nicht explodiert und stellt eine gefährliche Altlast im Inselboden dar. Diese Verdachtsfälle müssen im Vorfeld geklärt werden.
– Während der Pflegemaßnahme wird parallel eine sogenannte maßnahmenbegleitende Kampfmittel-Sondierung durchgeführt, um eventuell weitere, meist kleinere Kriegsaltlasten wie zum Beispiel Munition oder Granaten zu finden und diese unschädlich zu machen.
Welche Neophyten werden entfernt?
– Ziel ist es, gebietsfremde Gehölze vollständig zu entfernen. Dazu zählen u.a. Arten wie die Kartoffelrose, die ihren Ursprung in Asien hat, die Späte Traubenkirsche und die Apfelbeere, die beide aus Nordamerika stammen. Diese invasiven Arten können sich stark ausbreiten. Daher wäre eine teilweise Entfernung nicht ausreichend.
– Damit die Heide günstige Wuchsbedingungen hat, soll der Gehölzbestand insgesamt reduziert werden. Die Konzeption der Maßnahmen wurde durch die Nationalparkverwaltung in einem Pflege- und Maßnahmenplan ausgearbeitet.
Was genau wird gemacht? Wie muss ich mir die Arbeiten vorstellen?
– Mit einem speziell dem Gelände angepassten Bagger werden die Gehölze entfernt: Je nach Gehölzart entweder bodennah abgesägt, ausgegraben oder herausgezogen.
Welche Einschränkungen sind auf Wangerooge durch die Maßnahme zu erwarten?
– Während der Pflege- und Entwicklungsmaßnahme sind keine größeren Einschränkungen für Besucher zu erwarten. Temporär können einzelne Wege ein paar Stunden nicht begehbar sein, während die Fahrzeuge/Maschinen diesen Weg nutzen müssen.
– Für die Räumung der Blindgänger-Verdachtsfälle sind Einschränkungen derzeit nicht absehbar.
Darf die Fläche betreten werden?
– Um Tiere und Pflanzen so wenig wie möglich zu stören, sollten die vorhandenen ausgewiesenen Wander- und Reitwege genutzt werden.
– Hunde sind auch in der Zwischenzone ganzjährig an der Leine zu führen.
Was sind die Schwierigkeiten/Herausforderungen auf Wangerooge?
– Die Kampfmittel-Thematik erschwert die Umsetzung der Heidepflege. Der Boden der Insel Wangerooge ist aufgrund der intensiven Kriegshandlungen im Zweiten Weltkrieg von Munition, Granaten und Fliegerbomben (bis 1000 kg Gewicht) durchsetzt. Vor diesem Problem stehen alle, die auf dieser Insel größere Erdarbeiten (beispielsweise bei Bautätigkeiten) umsetzen wollen.
– Eine professionelle Entsorgung sowie die begleitende Sondierung im Rahmen der Projektumsetzung ist daher zur Sicherheit aller und zur bestmöglichen Gefahrenvermeidung unverzichtbar.
Was passiert mit den Blindgängern?
– Die Blindgänger werden entweder entschärft und dann vom Niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienst am Festland entsorgt. Im schlimmsten Fall wird vor Ort gesprengt – natürlich unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen.
– Somit profitiert Wangerooge langfristig von dieser Heidepflege-Maßnahme auch durch die Beseitigung von Munitionsaltlasten im Nationalpark.
Warum entfernt man nicht alle Kartoffelrosen auf Wangerooge?
– Die Kartoffel-Rose hat ihre flächenmäßig größten Bestände in den gewidmeten Hochwasserschutzdünen. Die vollständige Entfernung sämtlicher Kartoffelrosen-Bestände ist aufgrund der großen Flächen in den Hochwasserschutzdünen nicht ohne Weiteres leistbar und birgt im Falle der Schutzdünen auch Interessenkonflikte zum Küsten- bzw. Inselschutz.
Wangerooge ist eine autofreie Insel, wieso sind die Bagger nicht elektrisch betrieben?
– Die Leistung, um die Gehölze zu entfernen, kann durch Elektro-Maschinen nicht erbracht werden.
Warum kann das nicht alles per Hand gemacht werden?
– Aufgrund des Umfangs der Maßnahme ist die Ausführung von Hand weder leistbar noch zielführend: Der Erfolg wäre geringer, da der Boden nicht so tiefgründig entnommen werden kann.
– Die Beeinträchtigungen des Gebiets wären durch das manuelle Ausgraben viel größer, da der Sand immer wieder nachrutscht und nicht wie durch eine Baggerschaufel mit einem Hub entnommen wird.
– Man würde über viele Jahre diese Arbeiten mit großem Aufwand durchführen müssen. Zudem ist vieles per Hand kaum noch zu leisten, weil gar nicht so viele Helfer*innen zur Verfügung stehen.
Welche Arbeiten/Maßnahmen sind auf der Insel bereits erfolgt und warum reichen die jährlichen Einsätze der Freiwilligen nicht mehr aus?
– Die Freiwilligen leisten vor allem Nachpflege auf kleineren Flächen. Diese jährliche händische Pflege ergänzt sinnvoll die in größerem zeitlichem Abstand erforderliche maschinelle Pflege.
Wieso finden die Arbeiten nicht im Herbst/Winter statt?
– Nasse Bodenbedingungen im Herbst/Winter werden gemieden, um die Beeinträchtigungen bestehender Heide und Dünenrasen und des Bodens möglichst gering zu halten. Viele niedrige zu entfernende Gehölze, die versteckt in der Heide wachsen, sind nur mit Blättern zu erkennen und nicht im blattlosen Zustand.
Kommen die invasiven Pflanzenarten dann nicht wieder zurück in die Gebiete der Maßnahme?
– Tiere bringen von anderswo wieder Samen hinein. Doch werden die aufkommenden Gehölze in einem frühen Stadium in jährlichen Einsätzen von Freiwilligen entfernt.
Wie nachhaltig ist die Landschaftspflege – wo kann ich etwas über den Erfolg der Maßnahme erfahren?
– In kleinerem Maßstab ist 2018 entlang des westlichen Teils des Reitweges vegetationsfreier Sandboden geschaffen worden. Die Besenheide hat sich sehr gut aus den benachbarten Beständen heraus angesiedelt. Von der Maßnahme haben weitere typische Pflanzenarten profitiert, wie zum Beispiel die Hirse-Segge (Carex panicea) oder das Borstgras (Nardus stricta).
– Der Erfolg früherer Maßnahmen zeigt, dass mit den 2026 geplanten Maßnahme die Heide in ihrer Vitalität nachhaltig verbessert werden kann.
– Um den Erfolg zu dokumentieren und zu kontrollieren, wird die Nationalparkverwaltung ein Monitoring (= Dauerbeobachtung) der Vegetation durchführen; zunächst jährlich, dann in größeren Abständen.
– Nachhaltig? Ja, aber: Die Vegetation entwickelt sich auch nach der Maßnahme weiter, so dass sich im Laufe der Zeit wieder Gehölze ansiedeln werden. Durch die Pflegeeinsätze von Hand z. B. durch Freiwilligengruppen kann die zu Verbuschung verlangsamt werden. Dazu kooperiert die Nationalparkverwaltung mit der Von Bodelschwinghschen Stiftung Bethel und den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten (IJGD). Die Freiwilligen unterstützen seit vielen Jahren tatkräftig die Heidepflege auf Wangerooge.
– Wahrscheinlich ist etwa alle 20 Jahre eine größere (maschinelle) Pflege- und Entwicklungsmaßnahme erforderlich, um diesen Lebensraum zu erhalten.
Wie wirken sich die Arbeiten (optisch) auf die Landschaft aus?
– Durch die Landschaftspflege entsteht wieder eine typische offene, fast gehölzfreie Küstenheide.
Wann ist wieder mit einem natürlichen Landschaftseindruck zu rechnen?
– Nach zwei Jahren werden sich bereits Pionierarten angesiedelt haben, so dass zwar noch viel freier Sand vorhanden sein wird, doch das erste Grün wieder zu erkennen ist. Reichblühende Besenheide ist bereits ab dem vierten Jahr zu erwarten.
Wie soll der Schutz der Küstenheide nachgehalten werden in den kommenden Jahren? Wie intensiv ist die Pflege?
– Heidepflege bleibt – auf Wangerooge wie anderswo auch – eine Daueraufgabe. Eine Nachpflege wird aufgrund der Ausbreitung von Gehölzen immer wieder erforderlich sein, allerdings in deutlich geringerem Umfang als bisher.
– Eine Nachpflege durch Beweidung mit Schafen und Ziegen durch eine Schäferei wurden geprüft. Für eine Hütehaltung durch einen Schäfer*in ist die Heidefläche zu klein.
Was verspricht man sich von der Maßnahme?
– Die Nationalparkverwaltung hat gute Erfahrungen mit ähnlichen Pflegemaßnahmen gemacht. In den Nachbarländern (Belgien, Niederlande, Dänemark) wurden entsprechende Pflegemaßnahmen bereits in großem Stil erfolgreich in Dünen umgesetzt.
– Die Nationalparkverwaltung setzt die aufwändigen Maßnahmen zum Erhalt der Heide um, da vorangegange Heide-Pflegemaßnahmen positive Ergebnisse erbracht haben und die Naturschutz-Ziele erreicht wurden. Das Für und Wider wurde sorgfältig abgewogen und auch mit Fachkolleg*Innen der Küstenheiden in Belgien, den Niederlanden und Dänemark erörtert.
Wer ist der Träger der Maßnahme und dafür verantwortlich?
– Die Nationalparkverwaltung (mit Sitz in Wilhelmshaven) ist Träger der Maßnahme. Sie wird vor Ort unterstützt durch die Naturschutz- und Forschungsgemeinschaft „Der Mellumrat e.V.“, der die Nationalparkflächen auf Wangerooge betreut. Das Nationalpark-Haus auf Wangerooge leistet einen wesentlichen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit der Heidepflege.
Wer setzt die Maßnahme technisch um?
– Eine Kampfmittel-Bergungsfirma wurde mit der Klärung der Blindgänger-Verdachtsfälle und mit der begleitenden Kampfmittel-Sondierung beauftragt.
– Die Gehölzentfernung erfolgt durch ein Lohnunternehmen vom Festland. Weil die Arbeiten im Nationalpark stattfinden, werden an die Qualifikation der Betriebe erhöhte naturschutzfachliche Anforderungen gestellt. Es dürfen bspw. nur Bagger zum Einsatz kommen, die über schonende breite Ketten verfügen, damit der Boden und die Pflanzendecke so gering wie möglich geschädigt werden.
Wie wird die Landschaftspflege finanziert?
– Die Maßnahme wird aus dem Förderprogramm „Erhalt und Entwicklung der Biologischen Vielfalt“ mit Mitteln der EU und des Landes Niedersachsen finanziert. Fördermittelempfänger ist die Nationalparkverwaltung. Folgekosten sind für manuelle Nachpflege sind in den ersten Jahren im Projektbudget eingeplant.
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