Untermieter in Austernbänken

Einst waren Miesmuscheln die Baumeister des Watts. Jetzt sind sie im trockenfallenden Bereich meist nur noch Untermieter der Pazifischen Austern.

Die Bänke der Miesmuschel (Mytilus edulis) boten bis Ende des vergangenen Jahrhunderts nicht nur im ständig überfluteten, sondern auch im trockenfallenden Watt Dutzenden Arten einen Lebensraum. Doch im sogenannten Eulitoral bekamen sie nachweislich seit Beginn der 1990er Jahre eine übermächtige Konkurrenz.

Austern-Larven unbeabsichtigt verbreitet

Denn die Austernwirtschaft setzte ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts Pazifische Austern (Magallana gigas) ein. Die ersten Zuchtkulturen brachten Muschelfischer*innen 1986 vor Sylt im schleswig-holsteinischen Wattenmeer aus. Ihre Larven verbreiteten sich unbeabsichtigt – aber sehr erfolgreich – zum Nachteil der Miesmuscheln.

Lebensraum zwischen Austernklumpen

Wie alle Austernarten brauchen auch Pazifische Austern für die Bildung stabiler Ansammlungen einen festen Untergrund. Sie siedeln sich deshalb unter anderen in und auf Miesmuschelbänken und überwachsen diese. Zunächst befürchteten Wissenschaftler*innen sogar, dass Miesmuscheln durch diese gebietsfremde Art komplett verdrängt werden würden. Es zeigte sich jedoch, dass dies nur selten der Fall war. In der Regel wurden die Miesmuscheln eher zu „Untermietern“ in den neu dominierten Austernbänken: In den Nischen zwischen einzelnen großen Austern oder Austernklumpen, in denen sich die Austern aneinander zementieren, finden die Miesmuscheln weiterhin Lebensraum.

Weniger Fressfeinde – und weniger Nahrung

Der Vorteil für Miesmuscheln in dieser neuen Konstellation: In den Zwischenräumen sind sie durch die scharfkantigen Austernschalen recht gut gegen Fressfeinde wie räuberische Seesterne oder Austernfischer geschützt. Dies gleicht allerdings ihren Nachteil im Wettkampf um Nahrung, das Plankton, keineswegs aus. Denn die Austern sind durch ihre exponierte Lage im Vorteil: Oben auf können sie das Meerwasser effektiver filtern und somit leichter an Plankton gelangen.

Verschiebung im Nahrungsnetz

So verändert sich durch die zugezogenen Austern nicht nur die Lebensgrundlage für ihre direkten Konkurrenten, die Miesmuscheln. Auch alle Arten, die Miesmuscheln als wichtige Nahrungsgrundlage nutzen, spüren die Auswirkungen. Das ökologische Gefüge der Muschelbank insgesamt verändert sich.

Viele aufrecht stehende Austern mit einigen Miesmuscheln in den Lücken und vielen Strandschnecken - von oben fotografiert.
Austern können durch ihre exponierte Lage das Meerwasser effektiver filtern und somit leichter an Plankton gelangen als Miesmuscheln, die im Eulitoral nur noch in der zweiten Reihe Fuß fassen.

© GICON Ecosystems

Das ökologische Gefüge der Muschelbänke verschiebt sich insgesamt: Für viele Fische und Vögel sind Austern keine passende Nahrung.

© Christian Fischer / LKN.SH

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