Wildnis

Ungezähmte Natur

„Natur Natur sein lassen“ ist das gemeinsame Motto der Nationalparks. Wildnis auf Dauer im Großformat, das können nur sie bieten. Für das Wattenmeer ist seine natürliche Dynamik auch seine Lebensversicherung: Um mit dem klimawandel-bedingten Anstieg des Meeresspiegels Schritt zu halten, müssen die Wattflächen und Salzwiesen auch zukünftig ungebändigt in die Höhe wachsen können.

Wandern können im Wattenmeer nicht nur die Menschen, Vögel oder Fische. Auch die Dünen, Priele und sogar Inseln unterliegen der prägenden Dynamik der Sedimente im Ökosystem. Wind und Wasser im Puls der Gezeiten sind die gestaltenden Kräfte, die nie ruhen und das Antlitz des Wattenmeers ständig wandeln. Dies macht das Wattenmeer wilder als andere Küstenlebensräume.

Wildnis ist der Kern dessen, was den Wert des Wattenmeeres außergewöhnlich und universell macht: Dynamik, Natürlichkeit und Vielfalt. Das sind die Kriterien für die Anerkennung des Wattenmeers als UNESCO-Weltnaturerbe. Daraus ergibt sich die gemeinsame Verantwortung der Wattenmeer-Anrainerstaaten, diesen Wert zu erhalten, also „so weit wie möglich ein natürliches und sich selbst erhaltendes Ökosystem zu erreichen, in dem natürliche Prozesse ungestört ablaufen können“ (Wattenmeerplan 2010).

Natur ist das, was aus sich heraus entsteht. Angefangen mit der einsamen Blume in asphaltierter Stadtkulisse: So wie in der Anfangsszene der Kindersendung „Löwenzahn“. Nationalparks bieten das umfassendere Bild: Natur soweit das Auge reicht. Nationalparks sind ihrem gesetzlichen Anspruch nach großräumige Naturlandschaften, die weitgehend unzerschnitten und vom Menschen kaum beeinflusst einen möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik gewährleisten.

Sie zeigen unsere Landschaft von ihrer wildesten Seite. Ein Gegenpol zur Zivilisation und doch so wichtig für unsere kulturell geprägte Vorstellung von Natur. Durch ihre Wildnis können Nationalparks diese Frage beantworten: Wie sieht unsere Landschaft ohne menschliche Nutzung oder gar Übernutzung aus? Nationalparks haben einen gesetzlichen Bildungsauftrag, Wildnis erlebbar zu machen. Besucher:innen bieten sie die Möglichkeit, sich ein Bild von ungestörter Natur zu machen und die Sehnsucht nach ursprünglichem Naturerleben zu stillen. Damit werden Bewusstsein und Akzeptanz geschaffen für den zu schützenden Eigenwert der Natur, jenseits menschlicher Nutzungsinteressen.

Die Wildnis ist es, die die Welt bewahrt.

Henry David Thoreau (1817-1862), US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph.

Aufgabe für das Schutzgebiets-Management im Wattenmeer ist es daher, Rahmenbedingungen zu gestalten für die natürliche Entwicklung des Lebensraums. Im Wesentlichen heißt das: Nichts tun und „Natur Natur sein lassen“. Mit diesem Motto inspirierte Hans Bibelriether, einst der Leiter von Deutschlands ältestem Nationalpark, dem Bayerischen Wald, die Nationalpark-Philosophie in Deutschland. Flächen-Renaturierung ist dort sinnvoll, wo ein Initialstadium geschaffen werden kann, ab dem sich Natur wieder in natürlicher Geschwindigkeit entwickeln kann. Dies geschieht ohne Wissen über das Ergebnis des Prozesses und ist daher immer wieder aufs Neue spannend und faszinierend.

Der Klimawandel stellt das Wattenmeer vor eine existenzielle Herausforderung: Durch den Meeresspiegelanstieg werden weniger Wattflächen täglich trockenfallen und das Meer nagt an der Salzwiese. Werden die Wattflächen und Salzwiesen dadurch kleiner? Oder gelingt es dem Ökosystem, damit Schritt zu halten durch natürliches Aufsedimentieren? Unbeweidete Salzwiesen bremsen bei Überflutungen die Wellenenergie durch den hohen Aufwuchs und Ermöglichen dadurch das Ablagern der Sedimente im Wasser: So können sie in die Höhe wachsen. Wildnisentwicklung wird dadurch zur Lebensversicherung für den Lebensraum Wattenmeer.