Schleswig-Holstein

15.01.2013 |

Januar 2013

Moin. In einem Vierteljahrhundert Nationalpark hat es das nicht gegeben, begeistert sich Detlef Hansen: Wie eine Vulkaninsel sei die Nordspitze des Norderoogsandes in wenigen Jahren aus dem Meer aufgetaucht. Meterhohe, dicht bewachsene Dünen gibt es dort, Salzwiesen bilden sich. - Da der Norderoogsand in der Kernzone des Nationalparks liegt, können nur wenige den Enthusiasmus des Nationalparkchefs mitfühlen. Vielleicht kann man in diesem Jahr eine ökologisch unschädliche Ausnahmeexkursion dahin unternehmen … Bleiben Sie uns auch im neuen Jahr gewogen. Ihre Nationalparkverwaltung

Neue Vogelinsel

In der Tönninger Nationalparkverwaltung koordiniert Dr. Martin Stock (55) die erste flächendeckende Dünen- und Salzwiesenkartierung an Schleswig-Holsteins Westküste, die nach wattenmeerweitem Standard durchgeführt wird. An den letzten warmen Sommertagen im August des vergangenen Jahres kartierte er mit der Praktikantin Laura Knopp und dem Jordsand Vorstandsmitglied Karl-Peter Hellfritz die Außensände Japsand, Norderoog- und Süderoogsand.

„Wir sind von Hooge frühmorgens bei Niedrigwasser zunächst nach Norderoog, von dort aus zum Norderoogsand gelaufen, wo wir über Hochwasser blieben. Wir liefen über den flachen Sand und sahen den flimmernden Horizont. Durch die warme Luft wurden selbst niedrige Erhebungen so hochgespiegelt, dass wir das Gefühl hatten, auf eine riesige Düneninsel zuzulaufen. Als wir uns näherten, wurde sie immer kleiner – wie der Scheinriese bei Jim Knopf.

Es ist ein unglaubliches Erlebnis, diese Weite dort zu erleben, die Großartigkeit der Landschaft. Wir hatten das Gefühl, dass der Sand unendlich ist. Wir spürten es allerdings nicht nur in unseren Herzen, sondern auch in den Beinen. Um alles zu kartieren, bin ich an dem Tag 30 Kilometer durch den butterweichen Sand gelaufen. Am Ende war ich wirklich an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit.

Auf dem Süderoogsand und auch im Süden des Norderoogsandes gibt es über Sommer ausgeprägte, windgeformte, vegetationsfreie Sicheldünen und einige, wenige Quadratmeter große, schütter bewachsene Primärdünen. Auf dem Japsand hat sich seit einigen Jahren ein größeres, locker bewachsenes Primärdünenfeld ausgebildet.

Im Norden des Norderoogsandes aber hat man das Gefühl, auf einer neuen Düneninsel zu stehen! Es gibt dort eine große, zusammenhängende Fläche mit Primärdünen in einer Ausdehnung von 700 x 200 Metern, insgesamt etwa 14 Hektar groß. Die höchsten Dünen sind sogar über 4 Meter hoch. Einzelne sind bereits mit Strandhafer und Strandroggen bewachsen und es haben sich Weißdünen gebildet. In den Dünentälern bilden sich Salzwiesen wie an den Ostenden der ostfriesischen Inseln. Viele Salzwiesenpflanzen, wie Queller, Dreizack, Wermut und Keilmelde, haben wir dort gefunden. Im gesamten Dünenbereich waren es 49 Pflanzenarten. Diese hohe Artenzahl hat uns überrascht. Fünf Jahre zuvor wurden dort nur 5 Arten festgestellt, zu 99,9 % bestand die Vegetation aus Dünenquecke.

Foto Martin Stock/LKN-SHAlle Außensände verlagern sich ostwärts. Schon als Zivis erzählten wir gern, dass der Japsand bald Hooge einen Sandstrand bringen wird. Ebenso rückt der Norderoogsand immer näher an Norderoog heran. Jetzt liegen noch 1500 Meter dazwischen.

Die Sände wachsen aber auch in die Höhe, sanden auf. Das betrifft nicht nur die Dünen, sondern den gesamten Sand. Wir haben lokal einen Meeresspiegelanstieg von etwa 3,5 Millimetern pro Jahr. Aber die Sände können mitwachsen, weil Sand aus dem Meer herantransportiert und auf die weiten Sandflächen geblasen wird. Bei der Dünenbildung wird Sand, der durch beständigen Wind aus einer vorherrschenden Richtung vielleicht hinter einem Stück Treibholz aufweht, von Pflanzen besiedelt. Ein Wurzelstückchen Dünenquecke kann schon genügen. Nur durch Bewurzelung halten sich die Dünen dauerhaft.

Durch die bewachsenen Dünen ist auf Norderoogsand ein neuer Lebensraum für Küstenvögel entstanden. Vor 10 Jahren, als der Sand noch fast frei von Dünen war, brüteten auf dem Sand nur einzelne Silbermöwen und Austernfischer. Seit einigen Jahren sind es etwa zehn Küstenvogelarten. Im Frühsommer 2012 wurden 149 Paare Silbermöwen, 74 Heringsmöwen, je 4 Austernfischer und Graugänse, je 2 Mantelmöwen, Eiderenten und Sandregenpfeifer sowie 1 Wanderfalken-Paar erfasst. Die Natur lebt dort die Nationalparkidee: Durch „Natur Natur sein lassen“ ist eine neue Vogelinsel entstanden.“

Wurfzeit

Das größte Raubtier Deutschlands ist die Kegelrobbe. Bullen können es auf drei Meter Länge und 300 Kilogramm Gewicht bringen. Im Ostatlantik leben heute rund 100.000 Tiere. Im Wattenmeer waren Kegelrobben im Mittelalter viel zahlreicher als heute, wurden aber so stark bejagt, dass es in Schleswig-Holstein jahrhundertelang keine eigenständige Population mit Nachkommen gab. Nach der Einstellung der Seehund- und Kegelrobbenjagd in den 1970er Jahren stieg die Zahl der auf den Sandbänken vor Amrum und auf der Helgoländer Düne gezählten Kegelrobben langsam an. Seit 1988 werden dort auch Jungtiere beobachtet. Heute gibt es im dänisch-deutsch-niederländischen Wattenmeer insgesamt gut 4.000 Kegelrobben, davon rund 550 auf Helgoland und rund 100 im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, hauptsächlich auf dem Jungnamensand vor Amrum. Steht er bei Sturm unter Wasser, weichen die Robben auf den Amrumer Kniepsand aus, manchmal auch auf die Hörnum-Odde oder den Föhrer Strand. Die Nationalparkverwaltung und die betreuenden Naturschutzverbände bitten um Rücksicht, wenn nach einem Sturm in diesem Winter Kegelrobben-Junge auf den Inseln stranden. Wer ein Tier findet, sollte Abstand halten, seinen Hund anleinen und die zuständigen Naturschutzverbände informieren. Sie sorgen dafür, dass die Jungen ungestört bleiben und bei Bedarf Fachleute hinzugezogen werden.

Die Wurfzeit der Kegelrobben beginnt im November und endet im Februar. Bis Ende Dezember 2012 wurden rund 160 Jungtiere auf der Helgoländer Düne, ein Dutzend vor Amrum und drei auf dem Norderoogsand registriert. Warum Kegelrobben ihren Nachwuchs im Winter bekommen – und nicht wie Seehunde im Frühsommer – können auch Biologen nicht einfach beantworten. Da das Wattenmeer die Südgrenze ihres Verbreitungsgebietes bildet, fühlt sich unser Winter für sie vielleicht wie ein Sommer an.

BASSIA

Biodiversität, Management und Ökosystemfunktionen von Salzmarschen im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer – daraus formten die Arbeitsgruppen Angewandte Pflanzenökologie und Tierökologie & Naturschutz der Universität Hamburg gemeinsam mit der Nationalparkverwaltung das geschmeidigere Akronym BASSIA. Es ist zugleich der wissenschaftliche Name der Rauhaarigen Dornmelde, Bassia hirsuta, einer seltenen Küstenpflanze. In dem von der Bauer-Hollmann-Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft von 2008 bis 2012 geförderten Projekt entstanden in fünf Jahren 17 Bachelor- und Masterarbeiten sowie 2 Promotionen. Sie untersuchten, welche Folgen die verringerte Beweidung auf die Vegetation der Salzwiesen, ihre Brutvögel sowie auf die Sedimentation und den Siliziumhaushalt hat und geben Empfehlungen für das künftige Management der Salzwiesen.

Ein wichtiges Ergebnis: Die Vegetationsvielfalt ist mit der Einstellung und Extensivierung der Beweidung der Salzwiesen deutlich angestiegen. Beweidungsempfindliche Arten produzieren in wenig oder gar nicht beweideten Gebieten so viele Samen, dass sie sich auch in intensiv beweidete Gebiete ausbreiten. Eine sich stark ausbreitende Art in unbeweideten Gebieten ist die Strandquecke. Sie profitiert von den menschengemachten Entwässerungseffekten ehemaliger oder immer noch gepflegter Grüppen und verdrängt andere Arten. Da die Art in ihrer Ausbreitung durch nasse Standorte gehemmt wird, empfehlen die Forscher, die Wiedervernässung hochgelegener Bereiche durch Renaturierung zu fördern. Eine solche Maßnahme könnte auch die Effekte von Landraubtieren wie dem Fuchs auf Brutvögel vermindern. Um eine natürliche Salzwiesenentwicklung auch in Lahnungsfeldern zu ermöglichen, sei zudem die Begrüppung neuer Lahnungsfelder in vielen Fällen verzichtbar.

Bei den typischen Küstenvogelgemeinschaften in den Salzwiesen konnten die Forscher keinen Zusammenhang zwischen der Salzwiesenvielfalt und den Brutvögeln erkennen. Es fiel auf, dass die Vogelartenzahl auf den Halligen deutlich höher war als am Festland.

Das Höhenwachstum der Salzmarschen betrug in zwei Untersuchungsgebieten im Mittel 7 Millimeter pro Jahr, wobei unbeweidete Salzmarschen wegen der strömungsberuhigenden Wirkung der Vegetation 1 Millimeter mehr aufschlicken als beweidete. In jedem Fall ist das Höhenwachstum größer als der derzeitige Meeresspiegelanstieg in der Deutschen Bucht von etwa 3,5 Millimetern pro Jahr. Das Fazit der Forscher: Das Management im Nationalpark mit dem Ziel der natürlichen Entwicklung hat in vielerlei Hinsicht zu Erfolgen geführt.

Seevogelatlas

Die Naturschutzorganisation BirdLife International, zu der auch der NABU gehört, hat den weltweit ersten digitalen Seevogelatlas erstellt. Er soll aufzeigen, welche Meeres- und Küstengebiete aus Sicht des Artenschutzes besonders bedeutsam und schützenswert sind. Der Atlas beschreibt rund 3.000 sogenannte Important Bird Areas (IBAs), die für den Schutz von Vögeln entscheidend sind. Auch zur Ökologie, Verbreitung, Gefährdung und rechtlichen Situation einzelner Arten gibt es detaillierte Angaben.

Mit dem Atlas liegen fundierte Vorschläge für ökologisch wichtige Seegebiete vor, die als nationale oder internationale Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Nach den Beschlüssen der Staatengemeinschaft sollen bis zum Jahr 2020 zehn Prozent der Meeresfläche unter Schutz gestellt werden. Die IBAs in den deutschen Gewässern waren bereits wichtige Grundlage für die Ausweisung mariner Schutzgebiete in der Nord- und Ostsee. Inzwischen hat Deutschland mehr als 45 Prozent seiner Meeresfläche unter den Schutz des europaweiten Natura-2000-Netzwerks gestellt, darunter das Sylter Außenriff, den Fehmarnbelt oder die Pommersche Bucht. Damit der europäische Schutz dort wirksam wird, werden derzeit Schutzgebietsverordnungen und Managementpläne erarbeitet. Bis 2014 müssen sie für alle Natura-2000-Gebiete aufgestellt sein und sowohl die Entwicklungsziele, Schutzmaßnahmen und Monitoringprogramme festlegen als auch besonders geschützte Arten.


Herausgeber

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Schlossgarten 1 | D-25832 Tönning

Redaktion: Dr. Hendrik Brunckhorst, Bernhard Dockhorn
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