
Die Miesmuschel (Mytilus edulis) ist bei Mensch und Tier beliebt: in Restaurants, auf heimischen Tellern oder an ihren natürlichen Standorten im Wattenmeer. Schon vor Einrichtung des Nationalparks im Jahr 1985 wurde sie kommerziell befischt. 1992 wurde mit 42.000 Tonnen ein Maximum erreicht.
Seit Ende der 1990er Jahre wachsen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer allerdings kaum noch Muscheln auf. Im Gezeitenbereich ging die Biomasse der Miesmuscheln von 1989 bis 2010 um 90 % zurück und die Bestände sind auch im Unterwasserbereich sehr gering. Eine Ursache sind vermutlich aus dem Klimawandel resultierende Veränderungen im Ökosystem: wenn die Larven sich im Frühjahr festsetzen, erwartet sie bereits eine große Zahl räuberischer Krebse. Ob die geschlechtsreifen Tiere inzwischen so wenig Nachwuchs liefern, dass die früheren Bestände auch bei sonst guten ökologischen Bedingungen nicht wiederkehren, ist offen. Auch muschelfressende Vögel, vor allem Eiderenten und Austernfischer, trifft der Rückgang ihrer Hauptnahrung. Ihre Bestände gingen nachweislich zurück.
Muscheln unterliegen nicht – wie Fische und Krabben – der freien Fischerei, sondern das alleinige Recht zur Nutzung in den Küstengewässern liegt bei den Ländern. Die Muschelzüchter erhalten öffentlich-rechtliche Erlaubnisse. Der Schutzzweck des Nationalparks ist dabei zu berücksichtigen. Um Muschelfischerei und Naturschutz in Einklang zu bringen, vereinbarte das schleswig-holsteinische Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume mit den Muschelzüchtern bereits 1997 ein Muschelprogramm, das diese Art der Fischerei regelt.
In ständig mit Wasser bedeckten Bereichen des Wattenmeeres, nicht aber im Gezeitenbereich, sammeln die Muschelzüchter die kaum einen Zentimeter großen Jungmuscheln (Besatzmuscheln). Zum besseren Wachstum werden sie auf so genannte Kulturflächen aufgebracht, von denen sie nach 1-2 Jahren als mindestens vier Zentimeter große Tiere geerntet werden. Den Rückgang der Besatzmuscheln versuchen die Muschelzüchter seit Jahren durch Besatzmuschelimporte aus England und Irland auszugleichen. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass fremde Arten in das Wattenmeer eingeschleppt werden, weswegen ein umfassendes Monitoring die Maßnahmen begleitet.
Die Muschelzüchter versuchen seit einigen Jahren mit speziellen Anlagen im Wattenmeer Besatzmuscheln zu gewinnen. Dabei handelt es sich um Rohrsysteme von mehreren hundert Metern, die als Schwimmkörper für daran hängende Netze dienen. Auf ihnen siedeln sich Muschellarven an, die dort für die Räuber (Krebse, Seesterne) nicht erreichbar sind.
In Schleswig-Holstein möchten die Muschelzüchter nun den bis 2016 laufenden Vertrag vorzeitig bis 2026 verlängern, um Planungssicherheit für notwendige Investitionen zu erlangen. Muschelzüchter und Ministerium haben dazu im Juli Eckpunkte vereinbart (s. Kasten). Das Ministerium wird nun prüfen, ob eine Miesmuschelfischerei nach diesen Eckpunkten mit der Flora-Fauna-Habitat Richtlinie der EU vereinbar ist. Auf Grundlage der Eckpunkte sollen dann bis Anfang 2012 ein neues Muschelprogramm erstellt und Lizenzen erteilt werden.
Sobald die Ergebnisse der Verträglichkeitsprüfung und der Entwurf des Muschelprogramms vorliegen, werden die Nationalparkkuratorien das Thema intensiv diskutieren. Dabei blicken die Kuratoriumsmitglieder auch nach Dänemark und in die Niederlande: dort hat man auf die ökologischen Veränderungen reagiert und legt die Menge der Besatzmuscheln jährlich so fest, dass muschelfressenden Vögeln genug Nahrung bleibt.
Die Nationalpark Nachrichten möchten dieser Diskussion in dieser Ausgabe Raum geben und baten Peter Ewaldsen, den Geschäftsführer der Erzeugerorganisation schleswig-holsteinischer Muschelzüchter, und Dr. Hans-Ulrich Rösner, den Leiter des WWF Wattenmeerbüros, folgende Fragen zu beantworten:
Passt die Miesmuschelfischerei zur ökologischen Situation des Wattenmeers?