Der Schnabel des Austernfischers

Austernfischer (von Ornithologen liebevoll "Aufi“ genannt) haben ein breites Nahrungsspektrum. Aber einzelne Tiere sind oft wählerische und angepasste Spezialisten. Das wirkt sich auch auf ihren Schnabel aus.

Austernfischer (Haemaotopus ostralegus) können sich auf eine bestimmte Nahrung spezialisieren und besondere Jagdtechniken entwickeln. Dieses Können geben sie auch an ihren Nachwuchs weiter. Denn obgleich Austernfischer-Küken Nestflüchter sind und schnell eigene Nahrung suchen – zusätzlich zum Futter, das ihnen die Eltern bringen – folgen sie den erwachsenen Tieren um zu lernen. Sie halten sich in den Salzwiesen und auf dem Wattflächen auf, mitunter auch an den trocken fallenden Muschelbänken. Überall dort schauen sie zu und ahmen nach, wie ihre Eltern nach Nahrung suchen, und lernen, welchen der Lebensräume sie für ihre Ernährung brauchen. Damit wächst eine neue Generation heran, die die Biodiversität des Wattenmeers optimal nutzt.

Die Jagdtechnik der Austernfischer führt dabei dazu, dass sich im Laufe eines Austernfischer-Lebens unterschiedliche Schnabelformen entwickeln, je nach Nahrungsvorliebe:

  • In eine Miesmuschel hämmern Austernfischer ein Loch und ziehen das Muschelfleisch heraus.
  • Bei Herzmuscheln durchtrennen sie mit ihrem Schnabel den Schließmuskel – wie mit einem Meißel – und können so die Schalenhälften leicht trennen.
  • In den Wattflächen stochern sie mit spitzem Schnabel nach Seeringelwürmern und Wattwürmern, in den Salzwiesen nach Insekten.

Bei Würmersuchern ist der Schnabel also spitz und lang, bei Herzmuschelspaltern ein kräftiger Meißel, und bei hämmernder Nahrungssuche stumpf.

Die Schnabelform ist also nicht angeboren. „Form follows function“ gilt zudem für ein ganzes Austernfischerleben. Denn der ursprünglich spitze Schnabel der Wurmfresser nutzt sich ab, wenn ständig Muscheln aufgeschlagen werden und wird dadurch stumpf. Wird aber die Kost wieder auf Würmer umgestellt, ist auch das kein Problem: Der Schnabel wächst 0,4 mm pro Tag – dreimal schneller als ein menschlicher Fingernagel – und formt sich immer wieder neu durch den Gebrauch.

Aspekte der Biodiversität

Austernfischer nutzen das unterschiedliche Nahrungsangebot ihres Lebensraums und gestalten ihn dadurch mit. Dies gehört zur wertvollen Vielfalt des Wattenmeers – in jeder Hinsicht.

Mehr zur Biodiversität im Wattenmeer

Offen für Neues

  • Schwertmuscheln

    Als in den 1980er Jahren die Schwertmuschel ins Wattenmeer einwanderte, hatten es einzelne Austernfischer schnell gelernt, hoch aufgerichtet nach den Siphonen der Muschel Ausschau zu halten, hinzustürzen und sie aus dem Boden zu zerren.

    Wo viele Schwertmuschelschalen herumliegen, bei denen eine Hälfte in der Mitte zertrümmert ist, war vermutlich ein solcher spezialisierter Austernfischer am Werk.

  • Pazifische Austern

    Auch die später eingewanderte Pazifische Auster, die hier zunächst keine natürlichen Feinde hatte, ist mittlerweile nicht mehr sicher vor den lernfähigen Austernfischern, die jetzt ihrem Namen alle Ehre machen.

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