Den Neozoen auf der Spur

Im Wattenmeer ist es nicht anders als an Land: Immer wieder werden Tierarten entdeckt, die ursprünglich nicht in diesen Lebensraum gehören. So sind auch am und im Wattboden, unter den als Benthos bezeichneten Tieren, solche Einwanderer zu finden. Ein Beispiel ist der Flohkrebs Aoroides semicurvatus (Foto unten).

„Erstmals im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer nachgewiesen wurde Aoroides semicurvatus in unserem Miesmuschel-Monitoring, und zwar bei der Auswertung der Benthosproben des Jahres 2019 durch die Rendsburger Werkstätten“, erläutert die Biologin Ulrike Schückel aus der Nationalparkverwaltung. Ursprünglicher Lebensraum dieses Flohkrebses ist der Nordpazifik, wo er bevorzugt auf Austernbänken lebt. In Frankreich und den Niederlanden sind bereits seit dem Jahr 2015 Funde von drei eingeschleppten Arten aus der Gattung Aoroides, also von Verwandten des semicurvatus, dokumentiert.

Ein weiterer tierischer Invasor im schleswig-holsteinischen Wattenmeer ist die Amerikanische Trogmuschel Mulinia lateralis (Foto oben). Erste Exemplare wurden im vergangenen Jahr bei der Entnahme von Benthosproben im Rahmen des FishNet Projektes gesichtet.

Diese Art kommt ursprünglich im westlichen Atlantik und in der Karibik vor. Auch hier sind Schückel zufolge diesem bereits Funde an anderen Küsten Europas vorausgegangen, und zwar 2017 und 2018 im niederländischen Wattenmeer und 2019 im ostfriesischen Teil des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer.

„Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Muschel den Weg von Amerika nach West-Europa alleine geschafft haben kann“, so Ulrike Schückel. Experten vermuten vielmehr, dass sie mit Ballastwasser nach Rotterdam verschleppt wurde und sich von dort aus weiter ausgebreitet hat.

Ein jährliches Schnellerfassungsprogramm für die sogenannten Neobiota entlang der deutschen Nord- und Ostseeküste wird ihren Angaben zufolge seit 2009 durchgeführt: „An 18 verschiedenen Standorten in Nord- und Ostsee, vornehmlich Marinas, Hafenanlagen und Orte mit Aquakulturanlagen, werden nicht-heimische Arten erfasst.“ 2016 seien diese Untersuchungen durch Besiedlungsplatten erweitert worden; dabei handelt es sich um PVC-Plannten, die mit einem Seil ins Wasser gehängt und nach einigen Monaten wieder eingeholt werden.

Durchgeführt wird das Schnellerfassungsprogramm von der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und dem Institut für Angewandte Ökosystemforschung (IfaÖ). Um das vorhandene Wissen über Vorkommen und Neueinträge anderer Vorhaben und Projekte zu bündeln, wurde eine Neobiota-Plattform (link: https://www.neobiota-plattform.de) am AWI eingerichtet. Informationen zu nicht-heimischen Arten werden dort gesammelt, ausgewertet und allen Interessierten zur Verfügung gestellt.

Danach lag die Neu-Einschleppungsrate an ausgewählten Standorten in den Jahren 2009 bis 2018 in der deutschen Nordsee bei ein bis zwei Arten pro Jahr. Dieses Untersuchungsergebnis wird in der Fachwelt als hoch eingestuft.

Aoroides semicurvatus
Aoroides semicurvatus

© D. Henning / BioConsult Schuchardt und Scholle

Neobiota – was sind das genau?

Neobiota sind Lebewesen, die von Natur aus nicht in einem Land vorkommen, sondern erst durch den Einfluss des Menschen dorthin gelangt sind – gebietsfremde oder nichtheimische, invasive Arten also. Dabei wird unterschieden zwischen Neophyten (Pflanzen) und Neozoen (Tieren).

Bei einigen dieser Tier- und Pflanzenarten steckt hinter dem genannten Einfluss des Menschen Absicht. Ein Beispiel ist der sogenannte Harlekin-Marienkäfer, der aus Asien hierzulande als Schädlingsvertilger im Gartenbau eingeführt wurde.

Unbeabsichtigt eingeschleppt werden können invasive Arten unter anderem, wie wahrscheinlich im oben genannten Fall der Amerikanischen Trogmuschel geschehen, im Ballastwasser von Schiffen. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) schreibt dazu: „Der menschliche Handel und Verkehr spielen für die Einführung von Neobiota eine so wichtige Rolle, dass das Jahr 1492 (Entdeckung Amerikas und der sich mit ihr extrem verstärkende transkontinentale Handel) als „Stichtag“ für die Einführung von Neobiota festgelegt wurde.“