Weltnaturerbe Wattenmeer: Artenvielfalt

Das niedersächsische Wattenmeer ist äußerst reich an ökologischen Gradienten und Übergangszonen, die zahlreiche unterschiedliche (Mikro-) Habitate ausbilden, welche die Basis für eine ökologische Spezialisierung unter Extrembedingungen darstellen.
Rastvögel auf Spiekeroog

Erhaltung der biologischen Vielfalt von Lebensräumen und Arten im niedersächsischen Wattenmeer (Kriterium X Richtlinien Welterbeanmeldung)

Allein die Salzwiesen, wie wir sie auf der Südseite der Ostfriesischen Inseln oder in den Außengroden und den großen Buchten entlang der Küste vorfinden, enthalten etwa 2.300 Arten aus Flora und Fauna, viele von ihnen hoch spezialisiert und auf diesen Lebensraum oder einzelne Wirtsarten angewiesen. In den marinen und brackwasserhaltigen Gebieten kommen weitere 2.700 Arten vor. Insgesamt wird geschätzt, dass das Wattenmeergebiet Lebensräume für bis zu 10.000 Arten von Einzellern, Pflanzen, Pilzen und Tieren bietet. Eine aktuelle Bestandserfassung der Flora und Fauna der Ostfriesischen Inseln (Dünen und Salzwiesen) hat ergeben, dass allein dort 1.500 Pflanzen- und über 8.000 Tierarten, und damit ein Viertel der deutschen Flora und ein Fünftel der deutschen Fauna vorkommen. Die Bedeutung dieser erstaunlichen biologischen Vielfalt wird um so eindrucksvoller, wenn man bedenkt, dass die Gesamtfläche der Inseln mit lediglich etwas mehr als 100 Quadratkilometern nur 0,03 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands ausmacht. Man kann daher durchaus von einem "hot spot" der Biodiversität in Deutschland, wahrscheinlich sogar in Nordeuropa, sprechen. Die Sonderstellung des Gebiets wird zusätzlich deutlich durch die Präsenz sehr vieler spezialisierter und küstengebundener Arten und 258 Pflanzen- und 1.092 Tierarten, die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen.

Grund für die große Artenvielfalt sind im Wesentlichen zwei Rahmenbedingungen: die große Ausdehnung und die hohe Dynamik des Wattenmeeres, die eine Vielzahl kleinräumig strukturierter, eng miteinander verzahnter und z.T. nur temporärer Lebensräume schafft.

Blühende Salzwiese

Die ständigen geomorphologischen Veränderungen sorgen dafür, dass immer wieder Flächen zur Nutzung durch andere Individuen oder Arten frei werden. Dies erklärt auch die hohe Aufnahmefähigkeit des Gebiets in Bezug auf wandernde Arten.

Als Folge der Dynamik und dem Einfluss der Gezeiten gibt es Bereiche, die ständig unter Wasser sind, die regelmäßig oder nur gelegentlich von Meer,- Brack oder vereinzelt sogar Regenwasser überflutet werden und in strengen Winter sogar eisbedeckt sind. Auch die Temperatur und Feuchtigkeit der terrestrischen Lebensräume reicht von sehr nass in den feuchten Dünentälern wie auf Borkum oder Langeoog bis hin zu extrem trockenen Verhältnisse wie wir sie auf der Südseite der Dünen auf den ostfriesischen Inseln finden. All dies führt zu einer Vielfalt ökologischer Nischen für Arten, die entweder hochgradig spezialisiert sind, um unter den extremen Umweltbedingungen überleben zu können, wie der Stranddistel und die Zwergseeschwalbe oder besonders vielseitig sind, wie die Strandkrabbe oder die Silbermöwe.

Das überragende Merkmal des Wattenmeeres hinsichtlich seiner Artenvielfalt besteht in genau dieser komplexen Mischung von Arten aus einer breiten Palette von Regionen und Habitaten sowie in einer Mischung aus ansässigen, wandernden und gelegentlich auftretenden Arten. Im eigentlichen Watt tritt häufig auch eine sehr hohe Individuenzahl anstelle einer hohen Biodiversität. Auch hier ist eine Wattwanderung mit anschließendem Inselrundgang mit einem Nationalpark - Wattführer oder mit den Nationalpark Häusern zu empfehlen. Eine solche Wanderung gibt einen guten Eindruck von der Artenvielfalt und dem Individuenreichtum des Welterbegebietes.

Ein Aspekt der Artenvielfalt des Welterbegebietes, der besonders eindrucksvoll ist, wird bei einer vogelkundlichen Inselführung zur Brutzeit oder bei einem Blick im Spätsommer und Herbst über den Deich des Jadebusens, des Dollarts, aber auch überall sonst entlang der Küste und auf den Inseln besonders deutlich: Seine außergewöhnliche internationale Bedeutung für Vögel als Rast-, Mauser- und Überwinterungsgebiet. Dies zeigt sich u.a. darin, dass das Wattenmeer für mindestens 52 Populationen von 41 ziehenden Wasservogelarten von außergewöhnlicher internationaler Bedeutung ist. Man geht davon aus, dass sich zeitgleich mehr als 6 Millionen Vögel im Wattenmeer aufhalten und so 10-12 Millionen Vögel das Gebiet aufsuchen.. Arten, die den ostatlantischen Zugweg benutzen und von ihren Brutgebieten in Sibirien, Skandinavien, Grönland und Nordostkanada zu ihren Überwinterungsgebieten in Europa, Afrika oder sogar noch weiter südlich und wieder zurück fliegen. Bei 44 Populationen von 34 Arten ist die Individuenzahl so hoch, dass das Wattenmeer ihre unabdingbare und häufig wichtigste Zwischenstation auf dem Zug oder ihr primärer Überwinterungs- oder Mauserplatz ist. Nahezu die gesamte Population der dunkelbäuchigen Unterart der Ringelgans (Branta b. bernicla) und die gesamte westeuropäische Population des Alpenstrandläufers nutzen das Wattenmeer in verschiedenen Perioden ihres jährlichen Zyklus. Für Vogelarten wie Pfuhlschnepfe, Säbelschnäbler, Kiebitzregenpfeifer und Brandgans ist das Wattenmeer ebenfalls von essenzieller Bedeutung. Bei einer schweren Beeinträchtigung des Wattenmeeres käme es zu einem Biodiversitätsverlust von weltweitem Maßstab.

Im Vergleich mit der Größe der Herkunftsgebiete ist das Wattenmeer sehr klein. Hier konzentrieren sich die Vögel. Die Qualität des Wattenmeeres als `Tankstelle´ auf dem Zug entscheidet über das Überleben der Arten, individuell und für die Populationen insgesamt. Hier werden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Brut in der Arktis gelegt, wie neue Studien beweisen.

Das Wattenmeer ist aber auch ein bedeutendes Reproduktionsgebiet für mehr als 30 Brutvogelarten. Bei fünf Arten wie dem Rotschenkel, dem Löffler oder der Flussseeschwalbe brüten mindestens 25% der nordwesteuropäischen Populationen im Wattenmeer. Das Wattenmeer stellt zudem ein Rückzugsgebiet im Lebenszyklus für diejenigen Arten dar, die ihre Lebensräume im Binnenland verloren haben, z.B. Kiebitz, Uferschnepfe und Lachmöwe. Ohne Wattenmeer wären mehrere europäische Vogelpopulationen gefährdet oder sogar ausgestorben.

Das Wattenmeer ist zudem eine wesentliche Zwischenstation für Fische, die zum Laichen in Fluss-Systeme und zur Nahrungssuche in die Ozeane oder umgekehrt wandern. Diese Fische könnten ihren Lebenszyklus ohne die nährstoffreichen Habitate des flachen Wattenmeeres nicht durchlaufen. Dies gilt auch für viele Fische wie die Scholle und Wirbellose, die zur Reproduktion auf die Tidezone angewiesen sind und als ausgewachsene Tiere weiter vor der Küste leben.

Eine Ausflugsfahrt zu den Seehundsbänken, wie sie von zahlreichen Sielorten entlang der niedersächsischen Küste und von den Ostfriesischen Inseln aus angeboten wird, bietet eine gute Möglichkeit, das Charaktertier des Wattenmeeres näher kennenzulernen: den Seehund. Seehunde haben auf den Sandbänken des Wattenmeeres ihre Ruhe-, Wurf- und Aufzuchtsplätze. Da diese zweimal täglich überflutet werden, sind sie in ihrem Verhalten vollständig an diese besonderen Lebensbedingungen angepasst. Das niedersächsische Wattenmeer weist mit ca. 6000 Tieren knapp 10% der Weltpopulation auf.

In den letzten Jahren sind auch die ehemals sehr zahlreichen und dann ausgerotteten Kegelrobben wieder ins niedersächsische Wattenmeer zurückgekehrt. Die größte Kolonie befindet sich zur Zeit auf der Kachelotplate, eine sich gerade völlig ungestört neu entwickelnde Plate westlich von Juist. Aber auch auf den Seehundliegeplätzen kann man immer wieder einzelne Kegelrobben entdecken. Es ist ein schönes Beispiel zu sehen, wie der Schutz vor Verfolgung und die Bereitstellung guter, ungestörter Liege- und Wurfplätze Maßnahmen sind, die Rückkehr dieser imposanten Meeressäuger zu ermöglichen.

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