Seehund

(Phoca vitulina)

Der Seehund ist wohl das bekannteste Säugetier, das im Wattenmeer vor unserer Küste lebt. Die Art ist in besonderer Weise an das Leben im Wasser angepasst. Trotz aller Belastungen und Gefährdungen entwickeln sich die Bestände positiv.

Im Sommer, von Mai bis in den September, sammeln sich die Seehunde auf den Sandbänken im Wattenmeer, um Junge zu gebären, sie zu säugen und um hier – wie jedes Jahr einmal – das Fell zu wechseln.

Im Wasser sind die Tiere gewandt und schnell beweglich. An Land sind sie eher plump und unbeholfen. Darum flüchten sie ins Wasser, wenn sie gestört werden.

Zwischen Anfang Juni und Anfang Juli werden die Jungen bei Ebbe auf den trocken fallenden Sandbänken geboren. Schon bei der nächsten Flut folgt das Junge seiner Mutter ins Wasser. Damit das keine Schwierigkeiten gibt, trägt bei Seehunden das Neugeborene bereits das gleiche Fell wie die erwachsenen Tiere. Kegelrobben dagegen werden noch mit dem Embryonalfell geboren.

Gesäugt werden junge Seehunde nur bei Niedrigwasser auf der Sandbank und in mehreren kleinen Portionen. Während der kurzen Säugeperiode – sie dauert etwa 4 bis 6 Wochen – müssen sich die Kleinen schnell ein Fettpolster antrinken und verdreifachen dabei ihr Körpergewicht. Das Fettpolster schützt vor der Kälte und dient als Notreserve, wenn sich die Mutter von ihnen trennt.

Seehund-Jahr im Wattenmeer

© NLPV Hamburgisches Wattenmeer

Seehund - Kopfporträt

© Steffen Walentowitz

Noch während der Säugephase lernt der junge Seehund, wie man jagt. Garnelen (“Granat”) und kleine Fische sind anfangs seine Hauptbeute. Mit zunehmender Erfahrung werden die gefangenen Fische größer. Für ausgewachsene Seehunde in der Nordsee sind Plattfische eine Hauptnahrungsquelle, aber auch andere Fische und Krebse werden nicht verschmäht. Sie fressen, was sie erbeuten können.

Aufspüren können Seehunde ihre Beute übrigens auch mitten in der Nacht. Mit den Barthaaren ‘ertasten’ sie die Wasserverwirbelungen, die Fische beim Schwimmen hinter sich herziehen.

Ein Seehund kann bis zu 1,80 m lang, mehr als 100 kg schwer und bis an die 40 Jahre alt werden.

Gefährdungen

Robben dürfen in Deutschland nicht bejagt werden. Stattdessen haben sie mit anderen Problemen zu kämpfen:

Wasserverschmutzung: Schadstoffe aus Haushalten, Industrie und Schifffahrt gelangen in die Nordsee und reichern sich über die Nahrungskette in den Robben an.

Krankheiten: 1988 und 2002 fiel etwa die Hälfte der Seehunde im Wattenmeer der Seehundstaupe zum Opfer. Gegen den Virus besaßen die Tiere keine Antikörper. Seehunde liegen – unabhängig von der Bestandszahl – auf den Sandbänken relativ eng zusammen und haben so kaum Chancen, einer Ansteckung zu entgehen.

Störungen: Seehunde  reagieren empfindlich auf Menschen, die in ihren vermeintlich sicheren Lebensraum eindringen – mit Flucht. Dies hat vor allem für Jungtiere fatale Folgen: Durch die Störung wird die (ohnehin begrenzte) Säugezeit verkürzt. Je häufiger die Tiere gestört werden, umso größer ist die Gefahr einer lebensgefährlichen Unterernährung. Auf der Flucht ins rettende Wasser robben sie über den rauen Sand. Dabei kann der noch nicht vollständig verheilte Nabel aufreißen und eine tödlich verlaufende Nabelentzündung entstehen. 25% der Seehunde im Wattenmeer verenden schon im ersten Lebensjahr, was auch auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen ist.

"Heuler" von Menschenhand

Wenn das Jungtier von der Mutter getrennt wird – ob durch eine Störung oder weil sie auf Jagd ist – stößt es “Klagelaute” aus. Diese Laute benutzt der “Heuler”, um mit der Mutter in Kontakt zu bleiben. Grundsätzlich gilt: Heuler nicht anfassen! Falsch verstandene Tierliebe ist es, das Tier zu streicheln oder mitzunehmen! Lassen Sie den Seehund am Fundort und halten Sie mindestens 300 Meter Abstand, damit die Mutter ihr Jungtier wiederfinden kann. Melden Sie den Fundort an die zuständige Seehundstation:

in Niedersachsen die Seehundstation Nationalparkhaus Norddeich

in Schleswig-Holstein die Seehundstation Friedrichskoog

Viele Seehundbabies, die in Aufzuchtstationen aufgepäppelt werden, bedurften eigentlich keiner menschlichen Hilfe! Wenn sie in die freie Wildbahn entlassen werden, besteht u. a. die Gefahr, dass ihnen bestimmte soziale Verhaltensweisen fehlen oder dass Erkrankungen in die Wildbestände getragen werden.

Heuler auf dem Strand

© Martin Stock / LKN.SH

Seehunde auf der Sandbank

© Peter Körber / NPHW

Schutzerfolge – Entwicklung des Seehundbestandes im Wattenmeer

Trotz dieser Belastungen zeigt der Seehundbestand im Wattenmeer seit mehr als 40 Jahren einen stabilen Aufwärtstrend. Auch die rasche Erholung der Population nach den Staupe-Epidemien zeigt, dass die Seehunde hier günstige Lebensbedingungen vorfinden – ein Erfolg vielfältiger Schutzbemühungen und auch des Nationalparks. Im Rahmen des internationalen Seehund-Management-Plans werden die Bestände jährlich in den drei Anrainer-Staaten Deutschland, Niederlande und Dänemark synchron an fünf Terminen zwischen Mai und September gezählt. Die Befliegungen erfolgen in den Sommermonaten bei Niedrigwasser, wenn die Seehunde auf den trocken gefallenen Liegeplätzen ruhen.

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